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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom 5. Juli 2004

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

die fulminanten Balletttage sind vorüber. Erschöpft und zufrieden erwarten uns die hoffentlich erholsamen Sommerferien. Hoffentlich noch rechtzeitig erreicht Sie unser neues Rundschreiben.

Vorweg ein Wort zu den von uns geplanten Reisen. Sie entsprechen einem wohlüberlegten Konzept. Zum einen verfolgen wir den weiteren Werdegang und die Werke der Tänzer aus der Compagnie von John Neumeier, wie am Beispiel der Reise im kommenden November nach Stralsund zu Ralf Dörnen. Zum andern konzentrieren wir uns auf herausgehobene Tanzereignisse, wie zum Beispiel die Tanzpreisverleihung in Essen und die Bournonville-Festspiele in Kopenhagen. Aus diesem Grund werden Sie verstehen, dass wir nicht jeden Reisevorschlag, der aus dem Kreis der Mitglieder kommt, verwirklichen können. Wir freuen uns aber über jede Anregung. Die Ballettreise nach Stralsund wird voraussichtlich am 20. oder 21.11.2004 stattfinden. Einzelheiten der Reise teilen wir Ihnen im nächsten Rundschreiben nach der Sommerpause mit.

Und nun viel Freude beim Lesen der einzelnen Beiträge. Wir machen jetzt erst einmal Pause. Einen schönen und hoffentlich noch sonnigen Sommer wünscht Ihnen im Namen des Vorstands, Ihre

Marjetta Schmitz-Esser

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30 Jahre "Hamburg Ballett" und 30. Hamburger Ballett-Tage

Was für eine Spielzeit! Schon während der gesamten Jubiläums-Saison zeigten die Tänzer des "Hamburg Ballett" Außergewöhnliches. Zum Ende dann, während der in diesem Jahr auf drei Wochen verlängerten 30. Hamburger Ballett-Tage, tanzten sie 16 verschiedene Ballette in einem Zeitraum von 22 Tagen, weltweit ein Novum. John Neumeier selbst nannte es einen "Marathon".

Dieser begann am 6. Juni mit der Neueinstudierung von "Romeo und Julia", in den Titelrollen Thiago Bordin aus dem Ensemble und die junge Solistin Hélène Bouchet. Ihr gelang eine wirklich bezaubernde Julia, die sich vom verspielten Kind zum leidenschaftlich verliebten Mädchen entwickelt, dem man schließlich ebenso die Reife und Verzweiflung am Schluss glaubt - in dieser Verwandlung liegt der enorm hohe Anspruch der Rolle.

In der Ballett-Werkstatt am 13. Juni sprach John Neumeier über "Geheime Verbindungen", an verschiedenen Beispielen machte er klar, warum sich bestimmte Gesten und Bewegungen in seinen Werken wiederholen, was sie bedeuten und wie er sie fand.

Eine der bekanntesten Choreografien Neumeiers, die "Matthäus Passion", war zum ersten Mal seit Mai 1997 nun wieder im Michel zu erleben. Erschreckende Assoziationen zu aktuellen Ereignissen stellen sich ein: Hinter verschlossenen Türen wird Jesus verhöhnt, geschlagen, gefoltert - manch einem drängen sich vielleicht Bilder aus dem Gefängnis Abu Ghraib auf. Und wenn der aufgebrachte Pöbel, von der Obrigkeit angeheizt, einen Schuldigen finden und töten will, ist die Parallele zum Irak-Krieg kaum noch wegzudenken. Die aktuelle Situation hat John Neumeiers Werk eingeholt, beabsichtigt hatte er diese Bezüge sicher nicht.

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30 Jahre - eine beeindruckende Zahl. Mit diesem Jubiläum stehe er weltweit jedoch erst an fünfter Stelle, räumt John Neumeier charmant ein, "es gibt auch andere, die lange ausgehalten haben." Und er nennt an erster Stelle Maurice Béjart, der sein 50. Jubiläum begeht. August Bournonville hat 47 Jahre lang eine Compagnie geleitet, und Marius Petipa war immerhin 41 Jahre Direktor in St. Petersburg. George Balanchine brachte es auf 35 Jahre mit dem New York City Ballet, seine früheren Compagnien nicht mitgerechnet. Gemeinsam ist allen diesen Choreografen nicht nur die kontinuierliche Arbeit mit einer Compagnie, die in erster Linie ihre Werke aufführt, sondern auch die Tatsache, eine Schule ins Leben gerufen zu haben - damit der Nachwuchs gesichert ist.

Unter diesem Aspekt überschrieb der Hamburger Ballettchef sein Programm für die Jubiläumsgala (am 15., 16. und 17. Juni) wie folgt: "Choreo-Compagnien und ihre Schulen". Dazu gehören in der heutigen Tanzwelt neben den oben genannten unbedingt auch das Nederlands Dans Theater mit Jiri Kylián sowie John Cranko und seine Stuttgarter Schule. Und so tanzten in diesem wunderbaren Vorstellung Béjarts hochbegabte, ungezähmte Rudra-Schüler neben den erfahrenen Tänzern des NDT 3, dem Seniorenteam der renommierten Compagnie; Solisten des Marijinsky Theaters brillierten im Grand Pas de deux aus "Dornröschen"; Gäste aus Stuttgart waren im 3. Akt aus "Onegin" zu bewundern, und zum Abschluss zeigten (Erste) Solisten des Königlich Dänischen Balletts Beispiele aus den unvergleichlich-eigenwilligen Choreografien von Bournonville.

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Das grandiose Finale der Ballett-Tage bildete die 30. Nijinsky-Gala, die in diesem Jahr mit internationalen Gaststars (Margaret Illmann, Nicolas Le Riche, Vladimir Malakhov u.v.a.), ehemaligen Tänzern des "Hamburg Ballett" sowie einem Rückblick auf 30 Jahre zum glanzvollen Höhepunkt wurde. John Neumeier teilte den Abend in drei Abschnitte: Teil eins zeigte "Shakespeare vertanzt", mit dem legendären Pas de deux aus "Othello", getanzt von Gigi Hyatt und Gamal Gouda, der damaligen Originalbesetzung. Die besondere Innigkeit der beiden Tänzer teilte sich dem Publikum mit, von der gegenseitigen Ergriffenheit wurden auch die Zuschauer berührt.

Weitere "Ehemalige" kehrten noch einmal auf die Bühne zurück, im "Friends" überschriebenen zweiten Teil gaben Ivan Liska (heute Ballettdirektor in München) und Kevin Haigen (Pädagoge in Hamburg) eine Choreografie Neumeiers an die heutigen Ersten Solisten Ivan Urban und Alexandre Riabko weiter, zu Musik von Simon & Garfunkel. Im dritten Teil stand Gustav Mahler im Mittelpunkt, dessen Kompositionen für Neumeier immer wichtige Inspirationsquellen waren. Die "Dritte Sinfonie", 1975 choreografiert, wurde das Signaturstück des "Hamburg Ballett", der 6. Satz beendete passenderweise diesen fünfstündigen Tanzrausch, dargeboten von Jennifer Goubé, Anna Grabka, Gigi Hyatt, Marianne Kruuse, Chantal Lefèvre, Colleen Scott sowie Eduardo Bertini, Gamal Gouda, Kevin Haigen, Ivan Liska und Janusz Mazon. Für viele langjährige, treue Zuschauer war es eine besondere Freude, die ehemaligen Tänzer noch einmal erleben zu können.

[Dagmar Fischer]

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Romeo und Julia

Mit der Neueinstudierung von "Romeo und Julia" wurden am 6. Juni die 30. Hamburger Ballett-Tage eröffnet. Hélène Bouchet bezauberte das Publikum in der Titelrolle. Ende April, zu Beginn der intensiven Proben, sprach Dagmar Fischer mit der sympathischen Französin über die bevor stehende, große Aufgabe.

Hélène Bouchet ist am 2.10.1980 in Cannes geboren. In ihrer Heimatstadt wurde sie zunächst bei Rosella Hightower, später an der Staatlichen Ballettschule in Marseille ausgebildet. In Roland Petits "Ballet National de Marseille" erhielt sie ihr erstes Engagement, nach anderthalb Jahren wechselte sie von dort zum "English National Ballet" in London. 1998 kam sie zum "Hamburg Ballett", mit Beginn der Spielzeit 2003 wurde sie hier Solistin.

Wie kam es zum Wechsel nach Hamburg?

Die Arbeit mit Roland Petit mochte ich sehr, und als er Marseille verließ, wollte ich auch nicht bleiben. Ich kannte eine Tänzerin, die von Marseille zum "Hamburg Ballett" gegangen war, und sie stellte die Verbindung her. Ich wurde zur Audition eingeladen und erhielt einen Vertrag. Dazwischen lag nur ein halbes Jahr, das ich in London verbringen konnte.

Nach vielen kleineren Rollen ist "Julia" nun ihre erste große Rolle beim "Hamburg Ballett"...

Julia ist eine der schönsten Rollen im Tanz überhaupt. Dieses Mädchen, das sich verliebt, ohne eigentlich zu verstehen, was mit ihr passiert. Natürlich bedeutet diese große Aufgabe auch eine Menge Verantwortung und ich spüre den Druck, die Erwartungen, die an mich gestellt werden.

Wie haben Sie erfahren, dass Sie die Julia im Jubiläumsjahr tanzen werden?

Wir haben so genannte casting lists im Ballettzentrum, dort steht, wer welche Rolle tanzen wird. Später kam dann John Neumeier zu mir und sagte, dass wir bald mit den Proben beginnen sollten, denn es gäbe eine Menge zu lernen.

Wie sehen die Proben nun aus?

Marianne Kruuse und Kevin Haigen studieren die Pas de deux ein, mit Thiago Bordin und mir. Marianne weiß so viel über das Ballett, für sie wurde die Julia damals kreiert. Sie hilft mir sehr, nicht zu "spielen", sondern ich selbst zu sein.

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Trotzdem ist es ja eine Rolle, die Shakespeare schuf, und die in gewisser Weise gespielt werden muß...

Ja, schon. Aber es ist nicht vergleichbar mit der Olimpia aus der Kameliendame, zum Beispiel, dieser kleinen Hexe, die immer die Aufmerksamkeit der Gesellschaft braucht; das muß man spielen, wenn man so nicht ist. Aber ein kleines Mädchen haben wir doch alle in uns, das kann man in sich wieder finden und muß es nur heraus lassen. John Neumeier kam in die erste Probe, um mir zu sagen, dass er keine Ballerina möchte, sondern ein ganz normales Mädchen. Ich solle alle Posen vergessen, die ich gelernt hatte, und ganz schlicht sein.

Wie bereiten Sie sich vor, lesen sie den Shakespeare-Text?

Nein, nicht jetzt. Ich habe ihn vor einiger Zeit gelesen. Und ich werde ihn wieder lesen, aber jetzt muß ich zunächst das Ballett verstehen. Wenn ich mehr von John Neumeiers Sicht auf Romeo und Julia weiß, werde ich zurück zum Text gehen und ihn mit meinen Schritten, mit meinen Bewegungen verbinden. Ich schaue mir das Video jeden Morgen und jeden Abend an, in dem Silvia Azzoni tanzt. Auf diese Weise höre ich auch die Musik sehr intensiv.

Shakespeare hat die Figur als 14-Jährige angelegt. In diesem Alter ist niemand in der Lage, eine solche Rolle zu tanzen. Sie sind jetzt 23, wie gehen Sie ein paar Jahre zurück?

Ich versuche, ein Mädchen zu sein, das jemanden zum ersten Mal trifft und sich verliebt. Ich habe diese Erfahrung gemacht mit meinem Freund, ich weiß, wie es sich anfühlt. Es ist nicht so schwer, ein junges Mädchen zu sein. Aber die unterschiedlichen Gefühle auf eine Weise zu zeigen, dass ein Publikum sie auch versteht, manchmal nur mit den Augen, ohne eine einzige Bewegung - das ist sehr schwierig. Schritte kann man lernen, aber wenn man ein Gefühl nicht kennt, kann man es auf der Bühne auch nicht vermitteln.

Könnten Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Die Gift-Szene zum Beispiel. Ich versuche, mir vorzustellen, wie es sich wohl anfühlt, wenn etwas durch meinen Körper fließt, bis ich sterbe. Vielleicht brennt es sehr, so wie Alkohol. Ich versuche, das Gefühl dafür zu bekommen, ich schaue mir viele Videos von unterschiedlichen Tänzerinnen an. Ich kann von jeder etwas lernen, ich versuche zu sehen, was sie in dieser Szene fühlten. Aber letzten Endes will ich niemanden kopieren, ich muß es auf meine Art lösen.

[Dagmar Fischer]

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Die Ballettfreunde spenden 30.000 Euro für den Ballettnachwuchs

Während sich die Nachrichten von Schließungen, Kürzungen und der Streichung finanzieller Unterstützung im Bereich Kultur häufen, konnten die Ballettfreunde Hamburg ein anderes Signal setzen. Durch gutes wirtschaften war es möglich, aus dem Vereinsetat John Neumeier und der Ballettschule des "Hamburg Ballett" im Jahr des 30-jährigen Bestehens 30.000 Euro zusätzlich zu unserem jährlichen ERIKA-MILEE-STIPENDIUM zur Verfügung zu stellen, wie wir es auf der letzten Mitgliederversammlung beschlossen haben. Das Geld wird für Stipendien genutzt; welchen Schülern es konkret zu Gute kommt, werden wir veröffentlichen, sobald John Neumeier die Namen bekannt gibt.

Die Geste der Schecküberreichung, die Spende und Zeichen der Wertschätzung zugleich war, fand nach der Probe zur Aufführung "Erste Schritte" am Freitag, dem 14. Mai, in der Hamburgischen Staatsoper statt. Auf der Bühne, vor allen Schülern der Ballettschule als "Kulisse", übergab Frau Schmitz-Esser in ihrer Eigenschaft als Erste Vorsitzende Professor John Neumeier das Geschenk der Ballettfreunde, die an diesem Nachmittag zahlreich vom Ersten Rang aus die Probe verfolgt hatten. Der Hamburger Ballettintendant, der zugleich auch Schulleiter ist, zeigte sich "von Herzen dankbar und überwältigt von der Großzügigkeit." Auch am folgenden Tag, vor der Vorstellung "Erste Schritte", würdigte Neumeier in seinen einleitenden Worten zur Situation seiner Schule das Engagement der Ballettfreunde und bedankte sich erneut vor ausverkauftem Haus für die Unterstützung - damit auch weiterhin Talent und nicht etwa die Finanzkraft der Eltern über eine Aufnahme in die Ballettschule des "Hamburg Ballett" entscheidet, wie der Hamburger Ballettchef wiederholt erläutert.

Konstantin Tselikov, diesjähriger Absolvent und Stipendiat des ERIKA-MILEE STIPENDIUMS im Vorjahr, zeigte sich bei den "Ersten Schritten" an diesem Abend als Tänzer von enormer Begabung, mit wunderbarer Ausstrahlung, brillanter Technik und viel Temperament. Er wird in der kommenden Spielzeit als Eleve das "Hamburg Ballett" bereichern.

Es ist gelungen, in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift BALLETT INTERN über die Aufführung "Erste Schritte" sowie über die Spende der Ballettfreunde Hamburg zu berichten, der Moment der Übergabe von Frau Schmitz-Esser an Herrn John Neumeier ist sogar auf dem Titelbild festgehalten.

[Dagmar Fischer]

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Gedanken von John Neumeier zur Ballettschule des Hamburg Ballett

Dagmar Fischer hatte am 25.05.2004 Gelegenheit John Neumeier zu interviewen.

Seit Gründung der Ballettschule ist John Neumeier Schuldirektor. Damit sollte von Anfang an demonstriert werden, dass Compagnie und Schule nicht zwei verschiedene Dinge sind, sondern "eine Einheit, unter einem Kopf," wie Neumeier es nennt, die Hand in Hand arbeiten. Während der Ausbildung werden die Schüler "mit Stil und ohne Stil" erzogen. Mit Stil meint das klassische Training, das aber so rein sein sollte, dass es nicht schon eine bestimmte stilistische Ausprägung, wie die der russischen Schule, vermittelt, insofern ohne Stil, oder stilfrei. "Wenn ein Schüler sich nicht von seinen erlernten Bewegungen trennen kann, um etwas ganz Klares und Einfaches zu machen, finde ich das schlecht. Ich glaube, man muss einen Mittelweg finden, zwischen dem russischen System, das zum Beispiel die Koordination sehr gut schult, aber die Schnörkel und Manierismen vermeiden - und das ist der Weg unserer Schule."

John Neumeier kennt jede Schülerin, jeden Schüler seiner Ballettschule, wenn nicht mit Namen, so doch das Gesicht, also den Menschen, der in seinem Haus ausgebildet wird. Bei allen Prüfungen, die jedes einzelne Ausbildungsjahr beenden, ist er dabei, sieht so die Entwicklungen. Und das Fach Tanzgeschichte unterrichtet er selbst, so oft es sein voller Terminkalender erlaubt, in der 7. und 8. Klasse, den so genannten Theaterklassen. Das ist dann nie theoretisches Lernen von Zahlen, Daten und Fakten, sondern Erklärungen mit praktischem Bezug. "Ballettgeschichte sind die Tänzer, die hinter mir stehen, die diese Kunst so weit gebracht haben!" beschreibt Neumeier sein Verständnis von Historie.

Gut die Hälfte der Absolventen kommen in der eigenen Compagnie unter. Und wenn das nicht geht? "Die meisten suchen eine Compagnie, die ähnlich ist wie diese," erzählt John Neumeier. "andere gehen nach Dresden, München, Stuttgart. Wir bemühen uns, für alle ein Engagement zu finden, wir haben natürlich sehr viele Verbindungen."

Auch die Pädagogen versuchen, Kontakte herzustellen, allen voran Marianne Kruuse als Stellvertretende Schulleiterin. Von ihr und allen anderen Lehrern fühlt sich Neumeier bestens unterstützt. "Mit wenigen Ausnahmen sind es Menschen, die alle lange mit mir gearbeitet haben und die meine Auffassung bestimmten Dingen gegenüber kennen."

[Dagmar Fischer]

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Wir erinnern an ... Max Midinet

Von überall her waren die Tänzer aus Anlass des 30jährigen Neumeier-Jubiläums angereist. Welch eine Freude, sie alle wiederzusehen und zu erfahren, wo und wie sie leben, welche Karrieren sie gemacht haben. Einer, der von Anfang an dabei war und die Company entscheidend mitgeprägt hat, fehlte in besonders schmerzlicher Weise: Max Midinet.

Durch sein unverwechselbares Äußeres, seine einmalige Art, den Rollen Charakter zu geben, war Max Midinet ein herausragender Star der Company.

Allen in Erinnerung, - das Maß aller Dinge,- ist seine Darstellung des Christus in der Matthäus-Passion. Dieser Schmerzensmann, geschunden und zerbrechlich, ging zu Herzen und rührte zu Tränen. Aus seiner Religiosität heraus hatte er seine eigene Art gefunden, der Rolle Ausdruck zu geben. Unwiederbringlich auch sein Ludwig II in "Schwanensee", in seiner Verzweiflung und Einsamkeit, aber auch Würde und Unnahbarkeit. Dann sein Mercutio in "Romeo und Julia": Dort sehen wir ihn als den unbesonnen-schalkhaften, bedingungslos-loyalen Freund von Romeo, der selbst im Angesicht des Todes noch Possen reißt. Dann sein übertrieben-skurriler Ballettmeister Drosselmeier im "Nussknacker"; wo seine weit ausgestreckten, überlangen Arme kein Ende zu nehmen schienen. Unbedingt zu nennen sein Merlin in "Artussage," Jago in "Othello," seine Böse Fee in "Dornröschen", Touchstone in "Wie es Euch gefällt", Hamlet in "Der Fall Hamlet," Zettel in "Sommernachtstraum", Hauptrollen in Neumeiers Mahler-Choreografien, - die Aufzählung meisterlicher Umsetzungen ließe sich fortsetzen.

Max Midinet wurde in Mainz geboren und studierte an der Ballettschule des Stuttgarter Balletts. 1973 wurde er erster Solist beim Hamburger Ballett und blieb es bis 1987. Leider viel zu früh verstarb er am 23. August 2000.

[Marjetta Schmitz-Esser]

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Kurznachrichten und Veranstaltungshinweise

Folgende Veränderungen ergeben sich im "Hamburg Ballett" ab der nächsten Spielzeit: Die Erste Solistin Elizabeth Loscavio nahm ihren Abschied, dafür wird ihr Lebensgefährte Carsten Jung zum Ersten Solisten befördert. Außerdem verstärkt Barbara Kohoutkova, bisher Tänzerin beim "Boston Ballet", als Erste Solistin die Compagnie, so dass sich die Zahl der Ersten Solisten um eine erhöht. Auch die Solistin Adéla Pollertová verlässt Hamburg. Aus den Reihen des Ensembles werden folgende Tänzer zu Solisten ernannt: Catherine Dumont und Yohan Stegli. In das Ensemble wird Maria Kousouni aufgenommen, als Eleven tanzen Stephanie Minler, Silvano Ballone, Stephan Bourgond und Konstantin Tselikov.

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Die neue Kultursenatorin Prof. K. von Welck sagte anläßlich des Senatsempfangs in der Oper zu Ehren des Hamburg Ballett John Neumeier am 17.06.2004, zu dem der Vorstand eingeladen war, dass die Stadt John Neumeier "behalten" möchte und auch das Ballettmuseum für seine Sammlung "kommt". Ein Haus sei schon vorgesehen, es dauere aber noch einige Zeit. Das sind zumindest gute Aussichten.

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Vom 29. September bis 2. Oktober findet in Düsseldorf die 5. Internationale Tanzmesse NRW statt. Tanzcompagnien, Agenturen, Kulturinstitutionen, Tanzregionen aus über 40 Ländern sowie Tanz- und Ballettschulen und Geschäfte rund um den Tanz präsentieren auf 700 m2 Ausstellungsfläche ihre Angebote und Informationen. www.tanzmesse-nrw.com

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Nach der Sommerpause lädt Kampnagel wieder zum Festival "Laokoon" ein. Zwischen dem 11. und 29. August 2004 sind in der Hamburger Kulturfabrik zeitgenössische Strömungen aus Tanz und Theater zu erleben.

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Die nächste Verleihung des Deutschen Tanzpreises wird am Wochenende des 26./27. Februar 2005 in Essen stattfinden. Neben der etablierten Auszeichnung wird erstmalig auch der "Deutsche Tanzpreis Zukunft" an Nachwuchskünstler verliehen. Falls wir rechtzeitig den Namen des Preisträgers erfahren und dieser die Ballettfreunde interessiert, werden wir eine Reise dorthin anbieten.

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Am Samstag, dem 18. September 2004, wird das "Ballettzentrum Hamburg - John Neumeier" zum alljährlichen Tag der offenen Tür von 14.00 - 18.00 Uhr geöffnet, Caspar-Voght-Strasse 54.

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Lera Auerbach, Komponistin und Pianistin der "Préludes CV", arbeitet mit John Neumeier an einem neuen gemeinsamen Werk mit dem Titel "Die kleine "Meerjungfrau", das am 15. April 2005 in Kopenhagen uraufgeführt werden soll.

[Dagmar Fischer]

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Weitere aktuelle Veranstaltungshinweise

Archiv mit Rundschreiben (gekürzte Fassungen!)

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Letzte Aktualisierung: 10.10.04, [ddd]