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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom April 2009

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

da war einiges los, im Monat März:

Erstens die Reise nach Essen zur Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Heinz Spoerli sowie des Deutschen Tanzpreises „Zukunft“ an Marijn Rademaker. Höhepunkte aus Spoerlis Schaffen waren zu sehen, mit den glänzenden Tänzern seiner Compagnie aus Zürich. Besonders beeindruckend „Les débauches du rêve“, Musik Skrjabin, als eine Auseinandersetzung mit Motiven des spanischen Malers Goya. Interessant für uns Hamburger: Ausschnitte aus Spoerlis 𠇮in Sommernachtstraum“ nach der Musik von Philip Glass, ein Sommernachtstraum, der so ganz anders gestaltet ist als der, den wir von Neumeier kennen: Hier ging es minimalistisch zu. Auch Bach ist für Spoerli ein Thema, dessen „reiner“ Musik er ebenso klaren Tanz entgegensetzt. Martin Schläpfer, Schweizer Landsmann und Weggefährte Spoerlis, traf mit seiner launigen, respektvollen und grundehrlichen Laudatio genau jenen feinsinnigen Ton, der des Geehrten würdig ist. Der andere Preisträger, Erster Solist des Stuttgarter Balletts, Marijn Rademaker, war an diesem Abend leider verletzt, so dass man seine Kunst nur auf einer Großleinwand sehen konnte. Die Laudatio für ihn sprach Christian Spuck, der Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts, in anschaulicher und witziger Weise. Ort der Veranstaltung war wieder das berühmte Aalto-Theater in Essen. Nach dem Ereignis fand sich wie jedes Jahr die versammelte Ballettwelt im Intercity-Hotel zu einem diesmal richtig gemütlichen Dinner zusammen.

Zweitens unsere Mitgliederversammlung im Lichtwark-Saal der Carl-Toepfer-Stiftung. Darüber wird im nächsten Rundschreiben berichtet.

Drittens im Hamburger Ballettzentrum das Interview mit Hélène Bouchet und Thiago Bordin. Eigentlich hätte statt Bordin Yohan Stegli, Hélènes Ehemann, der Interviewpartner sein sollen, aber er musste mit Rückenproblemen in Frankreich bleiben. So hatte ich nicht das Ehepaar, sondern das Bühnenpaar vor dem Mikrofon. Thiago, ganz Brasilianer, ist ein witziger, lebhafter Gesprächspartner, der voll aus sich herausgeht und freimütig über sein Leben erzählt, dabei ein ernsthafter Künstler und mit Hingabe Tänzer. In Hélène Bouchet, der zurückhaltenden, zartfühlenden und eleganten Ballerina, als „Sylphide“ einer Taglioni würdig, hatte ich den ruhigen Gegenpart beim Gespräch. Alle waren von diesem durch und durch bereichernden Abend begeistert.

Und viertens, im Schröder-Saal des CVJM und in Zusammenarbeit mit Koïnzi-Dance e.V., der Vortrag von Dagmar Ellen Fischer über die Kostüme der Ballets Russes. Sie selbst berichtet in diesem Rundschreiben darüber.

Nun zu den Aussichten im Mai!

Brita Adam, Ballettlehrerin an der Ballettschule John Neumeier, wird uns im Ballettzentrum eine Vorstellung mit ihren Schülern über Folklore- und Gesellschaftstanz geben. Dies ist ein Dankeschön für die Spende unseres Vereins, die es den Ballettschülern ermöglicht hat, an einem Gesellschaftstanzkursus teilzunehmen. Frau Adam hat mir erzählt, dass die Schüler dabei viel Spaß haben … und auch noch gutes Benehmen lernen.

Victor Hughes wird – auch im Ballettzentrum – für uns einen Vortrag über Serge Diaghilew und die Ballets Russes halten. Die meisten von uns werden wissen, wie kenntnisreich Victor über Ballettgeschichte zu berichten weiß. Da steht uns ein besonders interessanter Abend bevor.

Nun wünsche ich Ihnen allen ein frohes und hoffentlich sonniges Osterfest und eine weiterhin schöne Frühlingszeit.

Viele Grüße im Namen des Vorstands,

Ihre Marjetta Schmitz-Esser

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Führung durch die Degas-Ausstellung in der Kunsthalle

Für Mittwoch, den 29.04.09, habe ich eine Führung für die Mitglieder unseres Vereins durch die Degas-Ausstellung organisiert. Auch Gäste sind willkommen.

Thema: Edgar Degas. Intimität und Pose
Beginn: 15 Uhr, Dauer 90 Minuten
Treffpunkt: 14:30 Uhr an der Kasse im Hubertus-Wald-Forum (Hamburger Kunsthalle)
Eintrittspreis: 10 € + Umlage des Führungsentgelts
Zahlung: vor Ort
Teilnehmerzahl: max. 25 Personen pro Führung
Anmeldung: spätestens bis 22.04.09 telefonisch bei Renate Dreher oder per eMail: renate.dreher[at]ballettfreundehamburg.de

Es ist sicherlich sehr interessant, über den Maler der Ballerinen und seine lebenslange Obsession für das Ballett noch mehr zu erfahren sowie Bilder und Skulpturen sehen zu können, die nur selten der Öffentlichkeit zugänglich sind.

[Dr. Edith Regerbis]

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Ballett-Werkstatt am 29. März 2009

In der vierten Ballett-Werkstatt der laufenden Spielzeit standen „Vaslaw Nijinsky und die Ballets Russes“ im Mittelpunkt. John Neumeier erinnerte sich vor seinem Publikum daran, in seiner Heimatstadt Milwaukee den Namen der berühmten Truppe anlässlich eines Gastspiels zum ersten Mal gehört zu haben: Die BALLETS RUSSES DE MONTE CARLO, also eine der beiden Folge-Compagnien, gastierten regelmäßig in der nordamerikanischen Stadt. Und „The Tragedy of Nijinsky“, die geliebte Lektüre des jungen John, tat ein Übriges und legte den Grundstein für eine lebenslange Beschäftigung: Der Tänzer Nijinsky wurde zum vertrauten Menschen für John Neumeier. Dessen choreografische Skizze „Vaslaw“, seinerzeit mit Patrick Dupond von der Pariser Oper erarbeitet, war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur abendfüllenden Choreografie: Im Jahr 2000, anlässlich des 50. Todestags Nijinskys, war eine Ausstellung zu Leben und Werk des Künstlers in mehreren Städten zu sehen – und John Neumeier schuf seinen „Nijinsky“.

Keine Fakten wollte er liefern, nicht die Geschichte seines Lebens erzählen, sondern eine eigene Annäherung an die Person wagen. „Schostakowitschs 11. Symphonie schwebte mir vor“, berichtete Neumeier über die Planungsphase, und als er vor neun Jahren mit dem ersten Satz der Symphonie begann, wusste er nicht, wohin es gehen würde. Die Schnittstelle zwischen dem Ende der Tänzerkarriere und dem beginnenden geistigen Rückzug wählte John Neumeier als Ausgangspunkt: Nijinskys legendären Auftritt im Suvretta-Haus 1919. Den weißen Saal, in dem er damals zum letzten Mal öffentlich tanzte, fotografierte John Neumeier in allen Details, diese Fotos dienten als Vorlage für das Bühnenbild.

Mehr noch als auf die Erinnerungen der Ehefrau Romola, stützte sich Neumeier auf die Beschreibungen eines Zeitgenossen, des Schweizers Maurice Sandoz: Was dieser über die ersten Bewegungen Nijinskys schreibt, überträgt Neumeier auf seine (jeweiligen) Protagonisten, in der aktuellen Wiederaufnahme verkörpert Alexander Riabko den Menschen und Tänzer Nijinsky, eine wunderbare neue Besetzung seit März 2009. Auch Joëlle Boulogne als Romola Nijinsky überzeugt in ihrer neuen Aufgabe, und besonders berührend vermittelt Konstantin Tselikov (leider im Programm der Ballett-Werkstatt unerwähnt) die Figur von Stanislaw, Vaslaws geliebtem älteren Bruder. Die Nachricht von dessen viel zu frühem Tod unter ungeklärten Umständen sei einer der vier Gründe für Nijinskys ausbrechende Geisteskrankheit, so berichtet John Neumeier unter Berufung auf den Autor Peter Ostwald; die anderen drei Ursachen lägen – jenseits der genetischen Veranlagung - in der Trennung von den Ballets Russes und seiner künstlerischen Heimat, der Untreue seiner Frau sowie der Gewalt des Ersten Weltkriegs. Dass John Neumeiers Werke bei jedem erneuten Erleben andere Aspekte sichtbar machen können, ist uns allen geläufig. In dieser Ballett-Werkstatt machte der Choreograf einmal mehr Perspektiven deutlich, die dem Publikum weitere Sehweisen auf das epochale Werk erlauben.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Kostüme der BALLETS RUSSES

In Zusammenarbeit mit Nele Lipp von Koïnzi-Dance e. V. luden die Ballettfreunde zu einem Vortrag über die „Kostüme der Ballets Russes“ in den atmosphärisch angenehmen Schröder-Saal des CVJM an der Alster ein.

Ich hatte mir Ballette ausgewählt, die sowohl an populären als auch eher unbekannten Werken beispielhaft das vielfältige Spektrum des Repertoires der BALLETS RUSSES aufzeigen konnten: In das Kostüm der duftenden Rose in „Le Spectre de la Rose“ musste Nijinsky hinein genäht werden, damit es hauteng anliegt; die Flecken des berühmten Faun-Kostüms in „L’Après-midi d’un faune“ wurden teilweise auf die Haut des Tänzers gemalt; und während der Proben zu „Le Sacre du Printemps war es ausgerechnet der Kostümbildner Roerich, der den Choreografen Nijinsky darin bestärkte, seine neue Bewegungssprache konsequent weiter zu entwickeln – auch gegen den Protest der Tänzer - und in seinen Entwürfen asymmetrische Haltungen und Posen einfließen ließ, die dieses Ballett so typischerweise kennzeichnen. Aber auch kleine Anekdoten tauchten auf, wie jene über „Petruschka“ – eine Titelrolle, mit der man Nijinsky bis heute identifiziert, die er indes beinahe gar nicht getanzt hätte, weil Serge Diaghilew seinen Freund nicht als derbe, groteske Puppe auf der Bühne sehen wollte.

Vor allem Leon Bakst und Alexander Benois prägten das (Bühnen)Bild und die Kostüme der BALLETS RUSSES, doch auch Picasso stattete Ballette aus: „Parade“ beispielsweise erfreute sich eines großen Zuspruchs in der Pariser Künstlerszene, konnte beim Publikum indes kaum Anklang finden: Nach einer Idee von Jean Cocteau und zur Musik Erik Saties bewegten sich Figuren aus dem Zirkusmilieu und aus der damaligen Geschäftswelt in drei Meter hohen Kostümen, die nur wenig Bewegung zuließen und die eher wie Teile des Bühnenbildes wirkten. Zehn Ballette in Bild und Sprache stellte ich in dieser gut einstündigen Präsentation vor.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Tanz der Farben – Nijinskys Auge und die Abstraktion

Zu einem sogenannten Hintergrundgespräch, einer Veranstaltung der Hamburger Kunsthalle und der Stiftung John Neumeier in Vorbereitung der Ausstellung, luden Prof. Dr. Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle, und Prof. John Neumeier am 30. März in das Haus in der Geffckenstraße ein. Zahlreiche Journalisten, die Kuratoren der Ausstellung und Marjetta Schmitz-Esser waren anwesend.

Keine Theaterausstellung, sondern eine Kunstausstellung ist entstanden, darin sind sich die beiden Experten einig. Denn in der mit „Tanz der Farben - Nijinskys Auge und die Abstraktion“ betitelten Werkschau geht es nicht um Tanzbewegungen auf der Leinwand, sondern um eine andere Form des Ausdrucks der Künstlerpersönlichkeit Vaslaw Nijinskys. Nicht das zwanghafte Abreagieren eines Geisteskranken sollte darin gesucht werden, Nijinsky steht als Bildender Künstler in der russisch-slavischen Linie auf einer Stufe mit Alexandra Exter, Léopold Survage und Vladimir Baranov-Rossiné, deren Werke ebenfalls zu sehen sein werden. Entstanden sind die rund 300 Exponate allesamt zwischen 1910 und 1925, von Nijinsky sind ca. 100 Gemälde und Zeichnungen zu sehen, 200 Werke stammen von anderen Künstlern.

Prof. Dr. Gaßner relativierte den Begriff der Abstraktion in diesem Zusammenhang, denn sobald die Kunst durch Tanz, durch Körperbewegung motiviert ist, kann man wiederum von einer Konkretion sprechen. Tatsächlich gab es zu jener Zeit eine Flucht vor der zunehmenden Technisierung, gegen Urbanisierung und eine Sehnsucht, die zum Ursprung, zurück zum menschlichen Körper führen sollte. Dies findet in einer wilden Rhythmik, einem Primitivismus und einem Explodieren der Farben seinen Ausdruck, so Prof. Dr. Gaßner. Wir dürfen sehr gespannt sein auf diese einmalige Gelegenheit, den Tänzer und Choreografen in die lebendige Pariser Kunstszene seiner Zeit eingeordnet zu finden.

[Dagmar Ellen Fischer]

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KURZNACHRICHTEN

Zum Rahmenprogramm der Degas-Ausstellung gehört auch die Veranstaltung am Donnerstag, dem 16. April um 19 Uhr: „Degas lebt – Ballettinspirationen aus dem 19. Jahrhundert“. Prof. Dr. Hubertus Gaßner führt ins Thema ein, Ballett-Einblicke liefert Prof. John Neumeier. Ort: Vor dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Eintritt: 30 Euro, ermäßigt 20 Euro.

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Am 19. April wird die Ballettschule des HAMBURG BALLETT im Stadeum in Stade zu Gast sein, der Tanznachwuchs präsentiert die Choreografien „Jeux d’enfants“ von Kevin Haigen und Brita Adam sowie „Des Knaben Wunderhorn“ von John Neumeier. Erstmals werden alle Rollen aus John Neumeiers Choreografie zur Musik von Gustav Mahler von Schülerinnen und Schülern der Ballettschule übernommen.

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Die Eröffnung der Ausstellung „Tanz der Farben - Nijinskys Auge und die Abstraktion“ findet am Dienstag, dem 19. Mai um 18 Uhr in der Hamburger Kunsthalle statt. Wer eine Eintrittskarte für das Ballett „Nijinsky“ am selben Tag in der Oper besitzt, kann damit auch die Ausstellung besuchen, am Eröffnungstag sowie einen Tag später, am 20. Mai 2009.

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Auch zu dieser Ausstellung wird ein Rahmenprogramm geboten, dazu gehört u.a. die Podiumsdiskussion am 9. Juni um 20 Uhr in der Rotunde der Hamburger Kunsthalle. Prof. Dr. Hubertus Gaßner und Prof. John Neumeier sprechen über ihr gemeinsames Projekt, der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.

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Noch nicht offiziell im Programm der Kampnagelfabrik, dennoch für die Ballettfreunde zur Kenntnis: Am 18. Juni werden Millicent Hodson und Kenneth Archer im Gespräch mit John Neumeier über die Rekonstruktion von „Le Sacre du Printemps“ sprechen, das die beiden in den 80er Jahren erneut zum Leben erweckten. Die Moderation des Abends übernimmt die Hamburger Journalistin Edith Boxberger, der Eintritt ist frei.

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Die Freunde der Kunsthalle bieten zusätzlich ein vielfältiges Seminar-Programm zur Ausstellungsreihe mit dem Schwerpunkt Tanz in diesem Jahr: Daniel Koep beschäftigt sich am 13. Juni mit „Nijinskys Auge und der Abstraktion“, Thomas Röske beleuchtet m 5. Juni „Vaslaw Nijinskys Kreisgestalten“, und Irmela Kästner ordnet am 20. Juni „John Neumeier - Poet und Denker“ in die Ballettgeschichte ein. Info und Anmeldung: Freunde der Kunsthalle e.V., Glockengießerwall, 20095 Hamburg, Tel. 428 131-307/-308. www.freunde-der-kunsthalle.de

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Für seine Choreografie „Die kleine Meerjungfrau“ erhielt John Neumeier den Hans-Christian-Andersen-Ehrenpreis 2009, der in diesem Jahr zum 14. Mal vergeben wurde. Die Preisverleihung fand am 2. April, dem Geburtstag Andersens, im Theater in Odense statt, der Heimatstadt des Dichters auf der Insel Fünen. Für das Preiskomitee ist John Neumeiers Werk schlichtweg „das bedeutendste Hans Christian Andersen Ballett unserer Zeit“.

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Zur Ausstellung „Schwäne und Feuervögel – Die BALLETS RUSSES 1909 bis 1929“, die vom 18. Februar bis zum 24. Mai 2009 im Deutschen Theatermuseum München gezeigt wird, ist ein Buch gleichen Titels im Henschel Verlag erschienen, ISBN 978-3-89487-630-2.

[Dagmar Fischer]

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Letzte Aktualisierung: 10.05.09, [ddd]