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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom Juli 2009

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

es war eine außergewöhnliche Saison. Was nicht alles hat uns das Gedenken an die Ballets Russes beschert!

Da sei zunächst die große Ausstellung in der Kunsthalle genannt. Sie gibt uns erstmals die Möglichkeit, die Bilder Nijinskys aus der Sammlung John Neumeiers zu bestaunen, die den großen Tänzer erstmals auch als außergewöhnlichen Künstler in der Malerei ausweisen.

Zahlreiche weitere Veranstaltungen zum Thema haben uns bereichert, wie zum Beispiel die Podiumsdiskussion mit John Neumeier und Hubertus Gaßner, dem Leiter der Hamburger Kunsthalle, wo es um „Tanz der Farben. Nijinskys Auge und die Abstraktion“ ging. Die Rekonstruktion von „Le Sacre du Printemps“ nach Vaslaw Nijinsky war Gegenstand eines Gesprächs auf Kampnagel mit Millicent Hodson, Kenneth Archer und John Neumeier. Diese Rekonstruktion, die es schon einmal mit dem Joffrey Ballett gegeben hat, kam im Rahmen der XV. Hamburger Ballett-Tage in der Nijinsky-Gala am 25.06.1989 zum 100. Geburtstag von Vaslaw Nijinsky zur Aufführung.

Auch wir Ballettfreunde haben aktiv beigetragen. Victor Hughes hat uns in einem zweistündigen Vortrag im Ballettzentrum Serge Diaghilew, die Leitfigur der Ballets Russes, nahegebracht und alle Ballette, die der große Impresario herausgebracht hat, in chronologischer Folge dargestellt und gewürdigt. Das vermittelte all’ jenen, die dabei anwesend waren, einen selten gebotenen, zusammenhängenden Einblick.

Ballette aus der Zeit der Ballets Russes, die man sonst nicht so leicht zu sehen bekommt, wie „Parade“ und „Apollo“, haben wir bei unserer Reise nach München im Mai erleben können. Der Gala-Abend „Die Welt der Ballets Russes“ vereinte Spitzenstars der großen Compagnien aus aller Welt. Hamburg war prominent vertreten mit Edvin Revazov, Hélène Bouchet und Otto Bubenícek.

Wer in München dabei war, hatte Gelegenheit, im Deutschen Theatermuseum eine Ausstellung zum Thema: „Schwäne und Feuervögel - Die Ballets Russes 1909-1929“ zu sehen und den ganz ausgezeichneten Katalog von Claudia Jeschke und Nicole Haitzinger zu erwerben. Mit kenntnisreich ausgewählten Reproduktionen von Entwürfen, Kostümen, Dekorationen und Bühnenbildern konnte man sich die farbige Welt der Ballets Russes mit nach Hause nehmen.

Da nun das Feuerwerk der wiederbelebten Tage der Ballets Russes vorbei ist, die uns noch lange weiter beschäftigen werden, könnten wir nun freudig in die Ferien gehen. Zuvor aber sollten wir doch noch einen Gedanken dem Ballettnachwuchs widmen, ohne den solche Glanzleistungen, wie wir sie gesehen haben, in Zukunft nicht möglich sein würden. Die Zukunft des Tänzernachwuchses zu sichern, dazu können wir beitragen. In diesem Sinne bitten wir Sie wiederum, sich freudig mit Spenden am Erika-Milee-Stipendium zu beteiligen. Diesem Rundschreiben liegen Überweisungsträger bei. Sie wissen ja, wie bisher sind die Spenden steuerlich absetzbar. Schon jetzt danken wir für Ihre Großherzigkeit.

Ich wünsche Ihnen erholsame Sommertage. Der Regen, mit dem sie angefangen hatten, wird schnell vergessen sein. Bis zum Wiedersehen im Herbst grüßt Sie herzlich im Namen des Vorstands, Ihre

Marjetta Schmitz-Esser

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Tätigkeitsbericht 2008

Nach Eröffnung der Versammlung durch die erste Vorsitzende, Frau Marjetta Schmitz-Esser, berichtete diese über die Tätigkeiten des Vereins im Jahre 2008.

Am 10.02.2008 hatte John Neumeier Spender in sein Privathaus eingeladen, um ihnen seine wertvolle Ballettsammlung zu zeigen und zu erklären; darunter auch Mitglieder unseres Vereins, die mitgeholfen haben, Zeichnungen von Vaslaw Nijinsky von einer New Yorker Galerie zu erwerben. Für diesen Zweck hatte auch unser Verein, wie es im vorigen Jahr beschlossen wurde, der Stiftung John Neumeier einen Betrag gespendet.

Ein besonderes Erlebnis war das Interview am 18.02.2008 von Frau Marjetta Schmitz-Esser mit den beiden ersten Solisten des Hamburg Ballett, Kusha Alexi und Amilcar Moret Gonzales, die nicht nur sehr viel Interessantes über ihre künstlerische Arbeit erzählten, sondern auch freimütig über ihr gemeinsames Privatleben.

Leider fuhren nur wenige Mitglieder vom 21.02. bis 22.02.2008 nach Leipzig zur Aufführung von „Jason et Médée“. Dieses Ballett von Jean-Georges Noverre aus dem Jahre 1763 hatte Ivo Cramer im Jahre 1992 choreografisch rekonstruiert, und es vermittelte einen höchst lebendigen Eindruck von der vergangenen Welt des barocken höfischen Tanzes mit opulent historischen Ausstattungen samt Kostümen und Perücken.

Ein Ereignis der Superlative war die Verleihung des Deutschen Jubiläumstanzpreises an John Neumeier in Essen, wo wir mit 28 Mitgliedern am 01.03.2008 dabei waren. Zum ersten Mal erhielt ein Preisträger diese Auszeichnung ein zweites Mal. Tänzer aus aller Welt waren dort und zeigten Ausschnitte aus dem großen Repertoire der Ballette des Preisträgers. Marcia Haydée, weltberühmte Ballerina und langjährige Weggefährtin von John Neumeier, hielt eine sehr persönliche, anrührende Laudatio.

Am 02.03.2008 hatten die Ballettfreunde dann auch noch die Gelegenheit, John Neumeiers Film „Die Kameliendame“ in seiner Anwesenheit und der vieler Solisten zu sehen.

Ein sehr schönes Erlebnis war der Besuch der Bühnenprobe am 26.06.08 von „Josephs Legende – Verklungene Feste“, Musik Richard Strauss, Choreografie John Neumeier, auch weil der österreichische Dirigent Christoph Eberle anschließend noch für ein Interview mit Frau Marjetta Schmitz-Esser zur Verfügung stand.

Zur Bühnenprobe von „Daphnis und Chloé/Nachmittag eines Fauns/Le Sacre“, Choreografie John Neumeier, waren wir am 06.11.2008 eingeladen.

In Zusammenarbeit mit Nele Lipp von Koïnzi-Dance e.V. veranstalteten die Ballettfreunde in der Buchhandlung Laatzen am 20.11.2008 einen Abend mit Filmen aus dem Tanzfilminstitut Bremen. Der erste Film zeigte den Tänzer und Choreografen Urs Dietrich, der zweite die Choreografin Anna Huber.

Am 03.12.2008 hielt die Choreologin Susanne Menck im Ballettzentrum einen Vortrag über ihre Arbeit bei John Neumeier.

Das Schlüsselwerk des romantischen Balletts, „La Sylphide“, konnten wir in der Hauptprobe am 05.12.2008 sehen, in der Rekonstruktion des französischen Choreografen Pierre Lacotte nach dem Ballett von Filippo Taglioni mit der Musik von Jean-Madeleine Schneitzhoeffer aus dem Jahre 1832.

Am 09.12.2008 überraschte uns das Ballettzentrum beim traditionellen Nikolaustag mit einer kompletten Nachmittagsaufführung aller Klassen der Ballettschule. Marianne Kruuse, Direktorin der Ballettschule, führte uns durch diesen schönen Nachmittag.

Der traditionelle Punschabend der Ballettfreunde fand am 10.12.2008 in der Gurlittstraße statt.

Neben den vielfältigen Veranstaltungen gab es wie immer während des ganzen Jahres regelmäßige Vorträge in der Gurlittstraße von Frau Schmitz-Esser und Frau Fischer, in denen das Ballett, das Tanztheater und Persönlichkeiten des Balletts vorgestellt wurden.

[Dr. Edith Regerbis]

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Das australische QUEENSLAND BALLET in Hamburg

Am 27. und 28.10.09, jeweils um 19.30 Uhr, wird das QUEENSLAND BALLET (Leitung François Klaus) im Saal 2 des Congress Zentrum Hamburg gastieren.

Unsere Mitglieder können Karten bestellen zum ermäßigten Preis über Thomas Regensburger, er ist der Agent des QUEENSLAND BALLET. Erreichbar ist Herr Regensburger über die folgenden Kontaktdaten: Tanzkontor, Hochallee 19, 20149 Hamburg,

Telefon: 040-22609212, Mobil: 0170 4913632, E-Mail: mail[at]tanzkontor.com

Über das Programm haben wir im letzten Rundschreiben ausführlich berichtet.

Nach der Vorstellung am 28. Oktober hoffen wir auf ein gemütliches Zusammentreffen mit François Klaus, Robyn White und möglicherweise weiteren Gästen. Der Ort des Treffens konnte leider noch nicht festgelegt werden.

[Renate Dreher]

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„Auf Traumpfaden: François Klaus’ und William Bartons Projekt ‚Timeless Dances’“

Vortrag: Thomas Regensburger am 10.09.09

Thomas Regensburger, der Manager der Tournee des QUEENSLAND BALLET unter der Leitung von François Klaus, hat sich freundlicherweise bereit erklärt, für unsere Mitglieder am Donnerstag, dem 10. September 2009 im Schrödersaal des CVJM einen Vortrag zu halten. Damit führt er uns in die fremde Welt der Aborigines und deren Kunst ein. Mit „Timeless Dances“ haben François Klaus und der Didgeridoo-Virtuose William Barton ein seit langem geplantes Projekt in Angriff genommen.

William Barton ist derzeit wohl der gefragteste Spieler auf dem uralten Windinstrument. Auf Einladung Pekings wirkte er 2008 bei der Eröffnung der Olympiade mit und gab im Januar sein Debut in der New Yorker Carnegie Hall.

Thomas Regensburger studierte an den Universitäten in Köln und Gießen Theaterwissenschaft. Seit 1990 war er überwiegend als Dramaturg an diversen deutschen Bühnen tätig und verlegte den Schwerpunkt von Oper und Schauspiel auf Ballett und Tanz, seit sich ihm 2001 die Gelegenheit bot, die „5. Internationalen Ballett-Tage“ am Oldenburgischen Staatstheater organisatorisch und inhaltlich zu verantworten.

2004 entstand durch die Begegnung mit dem Ballettdirektor des QUEENSLAND BALLET, François Klaus, die Idee zur Gründung der Agentur Tanzkontor, mit der die australische Compagnie nun das dritte Mal auf Europatournee geht.

[Marjetta Schmitz-Esser]

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Führung durch die Ausstellung der Kunsthalle „Tanz der Farben. Nijinskys Auge und die Abstraktion“

Drei Tage vor Schließung der Ausstellung „Tanz der Farben“ in der Kunsthalle Hamburg haben wir für Donnerstag, den 13.08.09, eine Führung für die Mitglieder unseres Vereins organisiert. Auch Gäste sind herzlich willkommen.

Thema: Tanz der Farben. Nijinskys Auge und die Abstraktion
Beginn : 17 Uhr, Dauer 60 Minuten
Treffpunkt: 16:30 Uhr an der Kasse im Hubertus-Wald-Forum (HH Kunsthalle)
Eintrittspreis: 7 bis 10 Euro Gruppenpreis einschl. Führung je nach Teilnehmerzahl
Zahlung: vor Ort
Teilnehmerzahl: max. 25 Personen pro Führung
Anmeldung: spätestens bis 06.08.09 telefonisch bei Renate Dreher 040-2101377
oder per E-Mail: renate-dreher[at]gmx.de

Danach haben wir Gelegenheit, einen Film vom Kirow-Ballett zu sehen; „Scheherazade“, „Der Geist der Rose“ und „Der Feuervogel“ in den traditionellen Kostümen und dem alten Bühnenbild.

Oder Sie besuchen anschließend die Vortragsperformance mit Nele Lipp und Anja Grover im Anita-Rée-Raum in der Kunsthalle von 19-20 Uhr, Thema: „Die Ballets Russes und Bronislawa Nijinska“, eine erweiterte Form des Vortrags vom 16. Mai, den in der langen Nacht der Museen 130 Zuhörer besuchten. In diesem Vortrag wird es auch um die Leistungen der Bronislawa Nijinska und ihren Beiträgen zu Vaslaw Nijinskys Arbeit gehen.

Die Kunsthalle hat am Donnerstag geöffnet bis 21 Uhr.

[Renate Dreher]

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Zu Gast in der Ballettschule des HAMBURG BALLETT

Fröhlich begrüßte Brita Adam die große Schar Hamburger Ballettfreunde am 27. Mai im Petipa-Saal des Ballettzentrums: Zusammen mit den Eltern der Ballettschüler waren sie zu einer Aufführung eingeladen, in der sich die Schülerinnen und Schüler der Ballettschule einmal mehr im besten Licht zeigten. Unter dem Motto „Folklore und Gesellschaftstanz“ hatte die erfahrene Pädagogin ein Programm für verschiedene Altersstufen zusammen gestellt.

Warum es sinnvoll ist, mit Kindern und Jugendlichen Folkloretänze zu erarbeiten, erklärte Brita Adam mit wenigen Worten: Fast jedes Kind hüpft, läuft und springt gern, und in Volkstänzen sind genau diese Grundbewegungen reichlich vorhanden. So kommt man dem Bewegungsdrang der Heranwachsenden entgegen und bereitet sie zugleich auf verschiedenen Ebenen für die Bühne vor. Für jedes tänzerische Niveau gibt es geeignete Folklore. Der italienische Nationaltanz Tarantella durchlief vor den Augen der Zuschauer verschiedene Schwierigkeitsstufen: Sieben Mädchen und ein Junge zeigten die Basiselemente; Chloé kombinierte in einem Solo komplexe Schrittkombinationen, die sie sich in der Theaterklasse abgeschaut hatte; Henriette und Manuel schließlich präsentierten Tarantella als spiegelgleichen Pas de deux. Fee und Aljoscha aus der Theaterklasse glänzten in einer Mazurka, während Maria Baranova die Gelegenheit nutzte, vor einem Publikum ihren Wettbewerbsbeitrag zu tanzen, den Marianne Kruuse mit ihr erarbeitet hatte (inzwischen hat sie den 1. Preis in Finnland gewonnen).

Auch in der Folklore (oder dem Nationaltanz, wie er früher hieß) kennt man ein vorbereitendes Training an der Stange; die Theaterklasse führte diese Übungen vor, die dem Klassischen Tanz teilweise sehr verwandt sind.

Zum krönenden Abschluss lieferte die Theaterklasse einen Querschnitt jener Gesellschaftstänze, die sie in den vergangenen Monaten in einer Tanzschule gelernt hatte: Die Paare tanzten Langsamen und Wiener Walzer, Cha Cha Cha und andere „Standards“ des Parketts zu Popmusik. Dieser besondere Abend war ein Dankeschön der Ballettschüler für den Zuschuss, den die Ballettfreunde Hamburg für den Gesellschaftstanzkurs zur Verfügung gestellt hatten – eine Fortsetzung mit einem Aufbaukurs ist nicht ausgeschlossen!

[Dagmar Ellen Fischer]

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„Tanz der Farben. Nijinskys Auge und die Abstraktion“ – Eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle

Weltweit wird 2009 das erste Auftreten der BALLETS RUSSES in Westeuropa gefeiert. In Hamburg haben wir das Glück, mittendrin zu sein in einer Serie von Veranstaltungen und Angeboten aus Anlass des Jubiläums. Vaslaw Nijinsky, den Jahrhunderttänzer und Star dieser Compagnie, in einer Ausstellung zu würdigen, war John Neumeier ein wichtiges Anliegen. Die Eröffnung am 19. Mai war nach eigener Aussage einer der bewegendsten Momente im Leben des Hamburger Ballettintendanten.

Vaslaw Nijinsky war der strahlende Star der BALLETS RUSSES. Sein Förderer und Liebhaber, der Impresario Serge Diaghilew, entließ das große Talent aus der Truppe, nachdem Nijinsky 1913 die Tänzerin Romola de Pulszky geheiratet hatte. An dieser Schnittstelle zwischen endender Tanzkarriere und beginnender geistiger Umnachtung, in den Jahren 1918 und 1919, schuf Nijinsky eine unbekannte Anzahl von Zeichnungen. Dass das bildnerische Œvre des Künstlers keineswegs nur als Entäußerungen eines dem Wahnsinn allmählich Verfallenden zu sehen sei, betont Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle. Wie zum Beweis, flankieren fünf zeitgenössische bildende Künstler die Präsentation von Nijinskys Schaffen, allesamt Russen bzw. Slawen, die zeitgleich im Westen lebten und arbeiteten; Sonia Delauney dürfte die bekannteste unter ihnen sein.

Vaslaw Nijinskys bildnerisches Werk nutzt den Kreis als Grundform, sowohl für konkrete Motive als auch in den geometrischen Zeichnungen. Ohne Hilfsmittel gelingen ihm Kreise und Ovale von großer Präzision, die Disziplin, der er seinen Körper unterwarf, lässt sich selbst noch in der klaren Linienführung erkennen, die seine Hand hervor bringen kann – dies jedenfalls die Erklärung von Gaßner für die derart präzise geschwungenen Gebilde des Künstlers. Diese werden im Hubertus-Wald-Forum so präsentiert, dass Serien gut erkennbar sind und die Verwandtschaft bestimmter Bilder untereinander offenkundig wird. Die mit „Auge“ betitelte Reihe in schwarz, rot und weiß prägt sich besonders ein, trägt sie doch ebenso bedrohliche wie belustigende Züge.

Als gelungener Kontrapunkt zum „Auge Nijinskys“ auf die Welt präsentieren sich die Exponate in einem separaten Raum, in dem sozusagen „Augen auf Nijinsky“ geworfen werden: Gemälde, Zeichnungen, Fotos und Skulpturen halten fest, wie Nijinsky von Zeitgenossen wahrgenommen wurde. Cocteaus überzeichnende Skizzen, Georg Kolbes idealisierende Plastik, Gustav Klimts interpretierendes Porträt und viele andere Blicke auf die Person des Künstlers und auf den Menschen Vaslaw Nijinsky machen diesen Raum zu einem magischen Ort der Begegnung mit ihm. Aber auch mit John Neumeier, der zahlreiche Exponate aus seiner „Dance Collection“ für diese Schau zur Verfügung stellte. Bisher kannte die Ballettwelt Nijinsky als genialen Interpreten aus „Le Spectre de la Rose“ oder als „Petruschka“, ferner als Choreografen, dessen Werke „Le Sacre du Printemps“ oder „Jeux“ ihrer Zeit weit voraus waren. Nun wird sein beachtliches bildnerisches Werk erstmals einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Im Rahmenprogramm zur Ausstellung trafen sich John Neumeier und Hubertus Gaßner am Abend des 9. Juni zu einem Gespräch mit Christoph Amend, Redaktionsleiter des „Zeitmagazin“. „Wenn Nijinsky jetzt diese Treppe herunter käme, was würden Sie ihn fragen?“ Mit Blick auf die Treppe in der Hamburger Kunsthalle entsteht eine Stille, in der John Neumeier und das Publikum eine männliche Gestalt geschmeidig die Stufen herab steigen sehen – in der Fantasie. Die unvermittelte Frage verblüfft John Neumeier jedoch nur kurz, seine Antwort kommt prompt: „Ich würde ihn zu mir nach Hause einladen. Und gar nichts fragen, sondern versuchen, ihm ein Freund zu sein.“

Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum, bis 16. August 2009.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Die 35. Hamburger Ballett-Tage

8-2-4-2-5-1-6 ist keine Telefonnummer, es sind die höchst unregelmäßigen Zählzeiten einer Sequenz aus „Le Sacre du Printemps“. Milicent Hodson, die gemeinsam mit ihrem Mann Kenneth Archer Choreografie und Ausstattung des legendären Werks rekonstruierte, vermittelte in der Ballett-Werkstatt am 7. Juni 2009 einen bleibenden Eindruck davon, wie komplex die rhythmische Struktur dieses Jahrhundertwerkes ist: Die Zuschauer klatschten die „Zahlenreihe“, während die Tänzer ihre Bewegungen zu diesen ungewöhnlichen Phrasen ausführten – nur dieser kurze Ausschnitt ließ deutlich werden, vor welch’ enormen Herausforderungen Musiker und Tänzer 1913, im Jahr der Uraufführung, gestanden haben müssen.

Besser hätten die 35. Hamburger Ballett-Tage gar nicht vorbereitet werden können, als mit dieser beeindruckenden Ballett-Werkstatt genau drei Wochen vor Eröffnung. Selbstredend stand die diesjährige Ausgabe des zweiwöchigen Festivals unter dem Einfluss der BALLETS RUSSES und ihres 100-jährigen Jubiläums. Und wahrscheinlich gibt es niemanden auf der Welt, der kenntnisreicher und unterhaltsamer über diesen Abschnitt der Tanzgeschichte erzählen kann als John Neumeier. „Stellen Sie sich vor, Sie leiten eine große Tanzcompagnie, und Sie gehen nicht zu Frau von Welck, sondern suchen Geldgeber, versammeln Tänzer aus unterschiedlichen Städten um sich, die in der Sommerpause auf Tournee gehen; und die Theater sind nicht begeistert, dass Sie sich die Tänzer ausborgen, und Sie müssen alles selbst organisieren!“ So in etwa müssen die Anfänge von Serge Diaghilew und den BALLETS RUSSES gewesen sein. Dennoch, der charismatische Impresario stellt eine Truppe zusammen und ein Programm auf die Beine, und am 19. Mai 1909 sorgt das erste Auftreten der „russischen Wilden“ für eine neue Zeitrechung im Ballett. Das erste Stück des ersten Abends hieß „Le Pavillon d’ Armide“, und als Vaslaw Nijinsky als Sklave auf die Bühne springt, erschüttert er die gesamte Ballettwelt. Zwanzig Jahre währte die Ära der BALLETS RUSSES unter Diaghilew, 1929, im Jahr seines Todes, entstand „Der verlorene Sohn“, die letzte Kreation des damaligen Chefchoreografen George Balanchine.

Diese drei epochalen Werke eröffneten die diesjährigen Hamburger Ballett-Tage. Nichts, was man gemeinhin mit Balanchines Neoklassizismus assoziiert, findet sich im „Verlorenen Sohn“: Es ist ein Ballett, das sich zwar auf das bekannte Gleichnis aus der Bibel bezieht, doch klug, mutig und überaus modern vom großen Irrtum eines jungen Mannes erzählt. „Der verlorene Sohn“ wurde getanzt von Alexandr Trusch, der die Wandlung vom Übermütigen zum Reuigen glaubwürdig darstellt.

Das Mittelstück des Abends war „Le Pavillon d’ Armide“, in einer faszinierenden Neuschöpfung von John Neumeier. Die (ohnehin dünne) Geschichte des Originals ist kaum noch zu erkennen, statt dessen erzählt Neumeier von jener Phase im Leben des Genies Nijinsky, die den Abschied von der Welt markiert: Die ausbrechende Geisteskrankheit macht die Einlieferung in ein Krankenhaus notwendig, der Tänzer wird in einem Pavillon einquartiert; dort erlebt er die schmerzliche Trennung von seiner Frau, während ihn höchst lebendig Erinnerungen an seine Rollen und Erfolge einholen. Berührend und tragisch wie Nijinskys Leben ist auch diese Choreografie.

Den Schlusspunkt unter den Eröffnungsabend setzte Nijinskys Skandalstück „Le Sacre du Printemps“. In jahrelanger Präzisionsarbeit gelang es der Choreografin und Historikerin Milicent Hodson, das getanzte Ritual wiederzubeleben; und die Tänzer des HAMBURG BALLETT überzeugen auch in diesem anspruchsvollen Werk.

Passgenau bereicherte auch das Gastspiel das diesjährige Jubiläums-Jahresmotto: Das BALLET DE LORRAINE zeigte mit „Petruschka“ einen BALLETS-RUSSES-Klassiker; „Les Noces“ von Bronislawa Nijinska offenbarte enorme Ähnlichkeiten der beiden Künstler-Geschwister; und „Mariage“ von Tero Saarinen behandelte zu Strawinskys Musik das gleiche Hochzeits-Thema im Jahr 2007.

Die Nijinsky-Gala versetzte das Publikum über fünf Stunden lang in einen Rausch aus Tanz und Musik, „Parade“ von 1917 war ein Höhepunkt des Abends: Picasso, Cocteau, Satie und Massine arbeiteten damals an diesem Gesamtkunstwerk – ein neues Genre, das die BALLETS RUSSES unsterblich machen sollte.

[Dagmar Ellen Fischer]

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KURZNACHRICHTEN

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel bietet vom 13. bis 30. August auch eine Reihe interessanter Tanzaufführungen, darunter die BATSHEVA DANCE COMPANY mit ihrem Stück „Max“. Weitere Informationen unter www.kampnagel.de

Am 23. Juli von 19 bis 20 Uhr wird Nele Lipp einen Vortrag mit Filmbeispielen im Anita-Rée-Raum der Kunsthalle Hamburg halten: „Hundert Jahre Farbentanz mit und ohne Tänzer“. Auch hier geht es um die Verbindung von Tanz und Bildender Kunst. Im Mittelpunkt stehen Ideen des abstrakten Tanzes, die vom Tänzerkörper abgelöste Formenspiele generierten, jedoch im Laufe der Zeit wieder zu ihm zurückkehrten. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Film „Tanz der Farben“ (1939) von Oskar Fischinger. (Nele Lipp)

Um „Die Ballets Russes und Bronislawa Nijinska“ geht es bei der Vortragsperformance von Nele Lipp und Anja Grover im Anita_Rée-Raum der Kunsthalle Hamburg am 13. August von 19 bis 20 Uhr. Es ist eine erweiterte Form des Vortrags vom 16. Mai, in dem es auch um die Leistungen von Bronislawa Nijinska und ihren Beiträgen zu Vaslaw Nijinskys Arbeit gehen wird.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Weitere aktuelle Veranstaltungshinweise

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Letzte Aktualisierung: 07.10.09, [ddd]