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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom Juli 2012

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

voller Zufriedenheit und Dankbarkeit nach zwei so ereignisreichen, tänzerisch heraus-ragenden Ballettwochen können auch wir beschwingt in die Ferien starten.

Wie jedes Jahr gab es eine berauschende Nijinsky-Gala mit nie enden wollendem Jubel – und dies ganz zu recht bei den hervorragenden Leistungen aller Tänzerinnen und Tänzer. Was wird uns wohl im nächsten Jahr zum 40-jährigen Jubiläum von John Neumeier als Ballettdirektor erwarten? Gibt es noch eine Steigerung? Aber beim Hamburg Ballett ist alles möglich.

Auch bei uns geht es weiter. Die ersten Anmeldungen für die Duisburg/Dortmund Reise sind schon eingegangen und voll Zuversicht sehen wir dem September entgegen.

Sicherlich gibt es auch bei uns im Verein wieder einige interessante Veranstaltungen, an deren Planung wir arbeiten.

In der kommenden Spielzeit wird uns John Neumeier mit dem Hamburg Ballett reichlich beschenken. Zum 40-jährigen Jubiläum werden wir so viele Ballettvorstellungen wie niemals zuvor sehen, aber auch wir wollen etwas zurückgeben, und das kann nur in Form von finanzieller Unterstützung für die Ausbildung der jungen Tänzer und Tänzerinnen sein. Wir sehen bei jeder Aufführung wie gut unser Geld angelegt ist, so bitten wir für dieses besondere Jahr, dass Sie wieder Ihr Herz und Portemonnaie weit öffnen für das Erika-Milee-Stipendium, um weiterhin zu helfen, diesen Standard aufrecht zu erhalten.

Gerade bei meinem Besuch der letzten Aufführung „Im Aufschwung II“ des Bundesjugendballetts im Ernst Deutsch Theater konnte ich sehen, auf welch‘ hohem Niveau die jungen Leute tanzen.

Ich bedanke mich schon jetzt im Namen des Vorstands und wünsche Ihnen allen einen erholsamen Sommer mit viel Sonne und verbleibe bis zum Herbst

mit sehr herzlichen Grüßen

Ihre Marjetta Schmitz-Esser

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„Renku“

Üblicherweise kreiert Ballettintendant John Neumeier zur alljährlichen Eröffnung der Hamburger Ballett-Tage ein neues Werk. Nicht in diesem Jahr – da gab er der Jugend den Vortritt: Er bat zwei Tänzer seiner Compagnie, Yuka Oishi und Orkan Dann, ein abendfüllendes Ballett zu choreografieren. Beide konnten schon choreografische Erfahrungen sammeln und gehören seit zehn bzw. elf Jahren zum HAMBURG BALLETT. Chefchoreograf Neumeier regte ein bestimmtes Vorgehen an: Das Gestaltungsprinzip des Renku, einer japanischen Gedichtform verketteter Verse, von der Sprache mit Worten auf die Körpersprache zu übertragen. Die zwei jungen Choreografen nahmen die künstlerische Herausforderung an und meisterten die Aufgabenstellung bravourös.

Yuka Oishi erklärt, wie sie sich der Lösung näherten: „Wenn ich das Wesen von einem Renku erklären soll, so denke ich an ein Bild in einem gebundenen Buch. Ich wähle eine Farbe der Stifte aus, für ‚Renku‘ meine ich damit die Tänzer. Und nehme zunächst die Platzaufteilung und Linienführung vor. Dann leite ich das Blatt an Orkan weiter. Hat er seine Arbeit vorgenommen, gibt er es wieder ab. So lautet das Prinzip. Was wir allerdings zuvor gemeinsam festgelegt haben, ist die Beschaffenheit des Papiers und Umschlags.“ Und sicher auch, welche Farbstifte – also welche Tänzer – das Gedicht malen sollen.

Im Zentrum stehen Silvia Azzoni und Lloyd Riggins, ihre Beziehung zueinander zieht sich wie ein roter Faden durch den zweieinhalbstündigen Abend. Die beiden begegnen und verlieren sich, jedes neue Aufeinander-Treffen nimmt einen anderen Verlauf. Einmal umwirbt Riggins sie energisch, ein anderes Mal nähert er sich unsicher und verhalten; dann wieder ergreift Azzoni die Initiative und stellt sich ihm herausfordernd in den Weg oder macht sich mit ihren Bewegungen für den Partner passend. Und obwohl beide zwischenzeitlich andere Verbindungen eingehen, bleibt ihre besondere Beziehung zueinander bestehen; sie nehmen den Faden ihrer individuellen Geschichte immer wieder auf und schreiben sie fort. Manchmal gehen sie auseinander und kommen in anderer (Ver)Kleidung zurück, bleiben dabei aber doch die Alten; mitunter kehren sie im gleichen Outfit zurück – und scheinen dennoch nicht mehr sie selbst zu sein. Die beiden Protagonisten erzählen keine Geschichte im üblichen Sinn eines Handlungsballetts, aber sie erzählen eine hochspannende Geschichte, ihre persönliche Geschichte. Und während das Hauptpaar umeinander kreist, bezieht es weitere Menschen mit ein. So nimmt sich ein anderer Mann (Edvin Revazov) der einsamen Silvia Azzoni an, nachdem Lloyd Riggins sie erneut allein ließ. Und auch er knüpft weitere Bindungen. Auf diese Weise entsteht ein großflächiges Tanzgedicht, bei dem es durchaus nicht nur um Begegnungen zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Menschen und animalischen Wesen, oder dem Animalischen im Menschen und dem allgegenwärtigen Tod geht. Bei der Identifizierung der Figuren ist die Farbe der Kleidung nur manchmal eine Hilfe: Die wunderbaren Kostüme von Michael Court sind rot, weiß und schwarz; und sie symbolisieren Liebe, Unschuld und Tod. Doch nicht jede Gestalt, die in schwarz auftritt, ist das personifizierte Sterben, die beiden Choreografen gehen subtiler mit ihren tänzerischen Mitteln um.

Und auch mit den musikalischen. Oishi und Dann lassen Franz Schuberts Streichquartett d-Moll D 810, besser bekannt als „Der Tod und das Mädchen“, in der Fassung für Streichorchester von Gustav Mahler die Grundstimmung angeben. Drei Kompositionen von Alfred Schnittke unterbrechen diesen Klangteppich, um schließlich mit dem furiosen Violinkonzert Nr. 2 „The Four Seasons“ von Philip Glass zu enden – komponiert für den Geigenvirtuosen Robert McDuffie und von diesem am Premierenabend live dargeboten. Die aus Osaka stammende Yuka Oishi und der in Deutschland geborene Orkan Dann kreierten jeweils zehn Sequenzen. Die sind indes nicht mehr als Bestandteile zu identifizieren, sie emulgieren zu einer aufregenden Choreografie mit betörenden Bildern. So wie auch ein Abschnitt des Bühnenbilds, das die Choreografen ebenfalls entwarfen: Japanische Schriftzeichen rutschen an der Bühnenrückwand herab und setzen sich zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Genau das passiert auch in den Köpfen des Publikums mit Tanz und Musik von „Renku“. Mit vielen Bravo-Rufen und lautstarkem Beifall reagierte das Publikum auf das wunderbare Werk.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Gastspiel San Francisco Ballett

Das San Francisco Ballet zeigte eine beeindruckende Leistung anlässlich seines zweitätigen Gastspiels. Vier Werke brachten die Tänzer nach Hamburg: „7 for Eight“, ein abstraktes Ballett mit kristallklaren Linien ihres Künstlerischen Direktors Helgi Tomasson; das Tanzdrama „RAkU“ mit Anleihen beim japanischen Nô-Theater des Choreografen Yuri Possokhov; und zwei Werke von Christopher Wheeldon, der in Hamburg kein Unbekannter ist – von ihm war ein Pas de deux aus seinem „Continuum“ und das berauschende „Within the Golden Hour“ zu erleben.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Nijinsky-Gala

Von fünf Stunden Dauer – und absolut kurzweilig war die Nijinsky-Gala 2012. Unter dem Motto „Geheime Dialoge: Tanz – Musik – Emotion“ präsentierte John Neumeier als Hausherr und Moderator den glanzvollen Abschluss der Spielzeit. Gaststars aus aller Welt tanzten gemeinsam mit dem HAMBURG BALLETT, und Absolventen der Ballettschule eröffneten mit dem atmosphärisch dichten „Spring and Fall“ den Abend. Fast auf den Tag genau zehn Jahre alt ist „Die Möwe“, uraufgeführt am 16. Juni 2002; Edvin Revazov verkörperte die zentrale Figur nuanciert, den Choreografen Kostja, neben Anna Laudere als Nina. Exakt zehn Jahre älter ist „A Cinderella Story“; neben den beiden Hauptfiguren zeichnet Neumeier vier großartige Porträts der wenig königlichen Familie: Cinderellas aufgeregten Vater, die eitlen Stiefschwestern und die vom Ehrgeiz besessene Stiefmutter – hinreißend interpretiert von Patricia Tichy. „A Sigh of Love“ zeigten zwei Tänzer vom Shanghai Ballet, ihr Pas de deux erzählte von einer unglücklichen Liebe. Danach glänzte Uljana Lopatkina mit Ivan Urban im sogenannten Stangen-Pas de deux aus Neumeiers „Nußknacker“.

Der zweite Teil des Abends bestand aus einem einzigen Werk: „Chopin Dialogue“, einer Choreografie von John Neumeier für Diana Vishneva vom Mariinsky Theater und Thiago Bordin – die beiden bekämpfen und lieben sich, zeigen viele Facetten einer Beziehung mit permanenten Brüchen und überraschenden Wendungen.

Im dritten Teil des Abends entstand einer jener seltenen magischen Theatermomente: Als Lloyd Riggins und Edvin Revazov sich zum ersten und einzigen Mal innig umarmen, schien die Zeit still zu stehen und das Publikum in der Oper geschlossen den Atem anzuhalten – so intensiv tanzten die beiden jene Begegnung zwischen Aschenbach und Tadzio, bevor dem einsam Verliebten „Der Tod in Venedig“ droht. Und Alina Cojocaru berührte einmal mehr als Geliebte von „Liliom“ Carsten Jung. Silvia Azzoni und Alexandre Riabko führten das gesamte Ensemble ins stimmungsvolle Finale von „Shall we dance?“ In der nächsten Spielzeit wieder!

[Dagmar Ellen Fischer]

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Kurznachrichten

An nur vier Abenden, vom 16. bis 19. August 2012, ist die international bekannte Truppe MUMMENSCHANZ im Thalia Theater zu Gast. Anlässlich des 40-jährigen Bühnenjubiläums touren die in der Schweiz beheimateten Künstler durch Europa. Berühmt geworden ist MUMMENSCHANZ mit einer Mischung aus Maskentheater, Ausdruckstanz, Puppenspiel und schwarzem Theater – ihre fantastischen Geschichten entstehen im Kopf des Zuschauers.

Vom 24. Juli bis 5. August 2012 bringt eine Truppe aus Kuba ihre „Ballet Revolución“ auf die Bühne des Thalia Theaters. Eine Live-Band auf der Bühne spielt Popmusik unter anderem von Shakira, Ricky Martin, Beyoncé und Jennifer Lopez, die Tänzer zeigen einen Genre-Mix aus Ballett, zeitgenössischem Tanz und Street Dance.

In eigener Sache: EGON MADSEN

Die von mir verfasste Biografie über den Tänzer Egon Madsen soll Ende August/Anfang September im Henschel Verlag erscheinen. Egon Madsen wird zu einer Buchpräsentation nach Hamburg kommen: Am 10. Oktober 2012 um 20:30 Uhr erzählt der Tänzer im Marmorsaal des Deutschen Schauspielhauses aus seinem Leben. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei, die Ballettfreunde Hamburg sind herzlich willkommen.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Weitere aktuelle Veranstaltungshinweise

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Letzte Aktualisierung: 25.11.12, [ddd]