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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom Dezember 2012

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Liebe Ballettfreunde,

wieder geht ein Jahr zu Ende und unversehens steht Weihnachten vor der Tür. Wir können auf ein aktives ereignisreiches Ballettgeschehen zurückblicken. Aber dabei wollen wir uns gar nicht aufhalten, denn es gilt schon an die kommenden Monate zu denken.

Zunächst freue ich mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir am 27. Januar 2013 nach Lüneburg zum Ballett „Auf dem Seil“ fahren. In Lüneburg arbeitet nun Frau Dr. Andrea Röber, vormals an der Pressestelle des Hamburg Ballett. Vielleicht ist sie einigen von Ihnen bekannt. Durch sie haben wir nun die Verbindung zum Theater Lüneburg. Diese möchten wir nutzen, denn es ist auch für uns interessant, im näheren Umfeld von Hamburg Ballettaufführungen anzusehen. Lüneburg im Winter ist einen Ausflug wert. Nähere Angaben zu den Choreografen und den Choreografien finden Sie in diesem Rundschreiben unter der Reiseanmeldung.

Am 15. Februar 2013 wollen wir uns „Requiem“ zur Musik von Giuseppe Verdi in der Choreografie von Yaroslav Ivanenko in Kiel ansehen. Dies wird bestimmt sehr eindrucksvoll sein, da die Musik nicht vom Band kommt, sondern das Orchester live spielt. Frau Fischer organisiert die Fahrt und gibt Ihnen Informationen zum Ballett im Zusammenhang mit der Reiseanmeldung in diesem Rundschreiben.

Zum Auftakt des 40-jährigen Jubiläums von John Neumeier in Hamburg hatten wir die Gelegenheit, an der Hauptprobe „Onegin“ von John Cranko teilzunehmen, denn ihm ist es zu verdanken, dass John Neumeier überhaupt nach Deutschland gekommen ist. Wir alle waren begeistert von der hohen Qualität der Tänzer, dem traumhaft schönen Bühnenbild und der Musik von Tschaikowsky. Zu Recht gab es zur Premiere Standing Ovations für die großartige Leistung der Solisten.

Wir beschlossen die Saison mit der traditionellen Nikolausfeier im Ballettzentrum und dem alljährlichen vergnügten Punschabend bei Kerzen, Gebäck und Geschichten in unseren Büroräumen in der Gurlittstraße.

Von ganzem Herzen wünscht Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr im Namen des Vorstands

Marjetta Schmitz-Esser

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„Onegin“ als Premierenauftakt zur Jubiläumsspielzeit des HAMBURG BALLETT

John Neumeier ist der dienstälteste aktive Ballettdirektor weltweit. Es ist schon einige Ballett-Werkstätten her, da sinnierte er auf offener Bühne über jene choreografierenden UND leitenden Kollegen, die es noch länger mit einer Compagnie ausgehalten haben als er – und wen er denn von diesen wohl noch überrunden möge: August Bournonville begann am Königlichen Theater in Kopenhagen 1830 als Tänzer, Choreograf und Ballettdirektor, dort wirkte er mit zwei Unterbrechungen bis zu seinem plötzlichen Tod 1879; Marius Petipa choreografierte von 1855 bis 1904 für die Kaiserlichen Theater im zaristischen Russland; George Balanchine gründete 1935 seine erste US-amerikanische Truppe, die dann später NEW YORK CITY BALLET hieß und die er bis zu seinem Tod 1983 leitete; und schließlich gehört John Neumeiers Freund Maurice Béjart in den Reigen der Langzeit-Ballettdirektoren, sein BALLETT DES 20. JAHRHUNDERTS rief er 1959 in Brüssel ins Leben und führte es unter dem geänderten Namen BALLET BÉJART LAUSANNE später in der Schweiz fort.

John Cranko waren nur zwölf Jahre mit dem STUTTGARTER BALLETT vergönnt, dennoch war sein Einfluss ähnlich epochal wie jener der oben Genannten. Als er „Onegin“ 1965 uraufführte, reagierten Presse und Publikum wenig begeistert; nach Überarbeitung und Kürzung wagte er 1967 eine weitere Premiere – und erntete einhelligen Beifall. Mehr noch: „Onegin“ wurde zum erfolgreichsten Handlungsballett des 20. Jahrhunderts. Insofern passt das Werk als Auftakt zur Jubiläumsspielzeit gleich mehrfach: Mit John Cranko als Mentor machte der Stuttgarter Tänzer John Neumeier in den 1960er Jahren seine ersten Schritte als Choreograf, und als einer der wenigen weltweit setzt er die Tradition des abendfüllenden Handlungsballetts seit vier Jahrzehnten in Hamburg fort. Und beiden, Cranko und Neumeier, gelingt eine hochdifferenzierte Zeichnung der Figuren allein durch Bewegung und Mimik, die in der psychologischen Tiefe ihresgleichen sucht.

Und so könnte man denken, „Onegin“ sei für das HAMBURG BALLETT kreiert worden – so glaubwürdig und vielschichtig tanzen die Protagonisten die technisch und darstellerisch anspruchsvolle Choreografie. Wenn Silvia Azzoni als Tatjana in den letzten Sekunden der letzten Szene mit sich ringt und versucht ist, der Liebe ihres Lebens doch noch nachzugeben, und wie sie der Versuchung mit größter Anstrengung widersteht – das gehört zweifelsohne zu jenen Bildern, die sich gründlich im fotografischen Gedächtnis festsetzen. Die Erste Solistin verfügt über eine enorme Intensität, nicht nur am Ende dieses dreiaktigen zweieinhalbstündigen Balletts, das einen sehr differenzierten Spannungsboden entwickelt.

Neben ihr tanzt Alexandre Riabko die Titelrolle auf Augenhöhe, man glaubt ihm den arroganten, gelangweilten Müßiggänger und Dandy; doch auch er macht eine Wandlung durch – immerhin vergehen zehn Jahre zwischen den Akten – und er bereut seine frühere Gefühlskälte, als es zu spät ist. Die leidenschaftlich, aber zeitlich versetzt Aneinander-Vorbei-Liebenden bekommen durch das zweite Paar ein kontrastierendes Gegenüber: Leslie Heylmann und Thiago Bordin vermitteln als Olga und Lenski die unbeschwerte, harmonische Verbindung, die indes auch tragisch endet.

Das Bühnenbild von Jürgen Rose – auch er eine weitere Verbindung zwischen John Cranko und John Neumeier, da er mit beiden arbeitete – ist von beeindruckender Präsenz; besonders im letzten Akt scheint jede kunstvoll drapierte Stoffbahn den Verzweifelten die Luft zum Atmen zu rauben. Und die weitgehend unbekannten Kompositionen Peter Tschaikowskys, die Crankos musikalischer Mitarbeiter Kurt-Heinz Stolze seinerzeit zur Verwendung vorschlug und bearbeitete (um die Nutzung der Oper „Eugen Onegin“ zu vermeiden), gehen eine kongeniale Verbindung mit der Choreografie ein.

Alexander Puschkin, Verfasser des gleichnamigen Versromans aus dem Jahr 1833 und begeisterter Theatergänger, erlebte wenige Jahre nach Veröffentlichung seines Romans privat eine Konstellation, die der in „Eugen Onegin“ beschriebenen zum Verwechseln ähnelte – tragischerweise mit ihm in der Rolle des Lenski.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Gespräch zwischen Leslie Heylmann und Marjetta Schmitz-Esser

Volles Haus im Ballettzentrum: Am 21. November fanden sich sehr viele Ballettfreunde ein, um die frisch ernannte Erste Solistin Leslie Heylmann im Gespräch zu erleben. Am Premierenabend von „Onegin“ tanzte sie die Olga, doch auch in anderen herausragenden Rollen hat das Hamburger Publikum die gebürtige Brasilianerin schon erleben können.

Positiv vorbelastet in Bezug auf Tanz ist sie, denn ihre Mutter besitzt in ihrer Heimat eine Ballettschule. Als Siegerin eines Ballett-Wettbewerbs in Brasilien errang sie ein Stipendium für die Palucca Hochschule, und so übersiedelte sie als 17-jährige nach Deutschland, um in Dresden die beiden letzten Ausbildungsjahre zu absolvieren. Vladimir Derevianko, seinerzeit Ballettdirektor an der SemperOper, engagierte sie direkt nach der Ausbildung 1998; da er einige Neumeier-Werke im Repertoire hatte, lernte Leslie Heylmann auf diese Weise seine Choreografien kennen. In diesem Zusammenhang hat sie das Jahr 2002 in besonderer Erinnerung, es war das Jahr der großen Flut, und die Elbe machte auch die Oper unbespielbar. Damals schenkte John Neumeier der Dresdener Compagnie seine Choreografie „Ein Sommernachtstraum“ und erleichterte nach der Katastrophe einen Neuanfang. „fast umgefallen“ sei sie, so Leslie Heylmann, als sie auf dem Besetzungszettel ihren Namen neben der Rolle der Helena fand!

Zehn Jahre lebte sie in Dresden, auf zwei Jahre Schule folgten acht im Ballett der SemperOper. Gleich im ersten Jahr wurde sie ausgewählt, das Solo in John Neumeiers „Le Sacre“ zu tanzen. Da merkte sie schon, dass „man bei John mehr Freiheiten hat“ und es ihm wichtiger ist, Gefühle an das Publikum weitergeben statt fünf Pirouetten drehen zu können. Die Zusammenarbeit mit Mats Ek hat sie geliebt, obwohl sie das Solo in „Sie war schwarz“ sehr schwierig fand. Mit William Forsythe kam eine neue Erfahrung, denn er stellte sie vor die Aufgabe, 15 Minuten mit Tanz zu füllen, sie könne machen, was sie wolle – Improvisieren auf technisch sehr hohem Niveau habe sie da gelernt.

Mit dem Direktionswechsel 2006 gingen einschneidende Änderungen einher, von den 60 Tänzern wurden 45 entlassen; plötzlich waren die meisten ihrer Freunde nicht mehr da. Sie schrieb an John Neumeier und bat um ein privates Vortanzen – aufgrund dessen sie engagiert wurde und 2008 nach Hamburg wechselte.

Ihre erste Rolle in Hamburg erhielt sie in Neumeiers „Nußknacker“, es folgten Diana in „Sylvia“ und der Star der Revue in „Die Möwe“. Sofern es sich um Rollen in literarischen Werken handelt, hilft ihr das Lesen, Verfilmungen des Stoffes empfindet sie hingegen als weniger hilfreich, weil vielleicht eine Voreingenommenheit entsteht. Überhaupt sei es schwieriger, sich eine abstrakte Rolle anzueignen; Ballette, die Geschichten erzählen, sind ihr daher lieber. Und wenn sie eine Rolle von einer anderen Tänzerin übernimmt, versucht sie, nicht an deren Interpretation zu denken, sondern ihren eigenen Zugang zu finden. Denn es gibt sie durchaus, diese Rollen, die sich als sperrig und unzugänglich erweisen. Dann hilft manchmal ein Partner, mit dem man sich gut versteht. „So wie mit Thiago Bordin, wir reden brasilianisch – und keiner versteht uns!“

Nach zwei Spielzeiten in Hamburg hatte sie das Gefühl, nach Dresden zurückgehen zu müssen, um dort mit etwas abzuschließen. Doch schon nach einem halben Jahr gestand sie John Neumeier in einem Brief, dass diese Entscheidung ein Fehler gewesen war – er schien keineswegs überrascht. Und so konnte sie 2011 erneut zum HAMBURG BALLETT wechseln, dieses Mal als Solistin. Und es fühlte sich an, als ob sie nie weg war.

Vor kurzem erst war Leslie Heylmann auf Tournee in Australien, zuvor in St. Petersburg, und auch in Japan hat sie getanzt. Das Publikum ist jedes Mal anders, mal skeptisch, mal begeistert – aber nur in Hamburg gibt es ein bestimmtes Phänomen: Das Publikum trägt die Tänzer, sodass man schwebt.

Ohne es geplant zu haben, verwirklicht Leslie Heylmann den Traum ihres Vaters, der sich immer gewünscht hat, in Deutschland zu leben. In Brasilien haben die Menschen wenig und sind immer fröhlich, hier haben sie alles und meckern viel. Dennoch, Heimweh nach Brasilien hat sie nicht.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Nikolausfeier im Ballettzentrum

Marianne Kruuse, Leiterin der Ballettschule des HAMBURG BALLETT – JOHN NEUMEIER, begrüßte die zahlreich erschienenen Lübecker und Hamburger Ballettfreunde am Nikolaustag im Petipa-Saal des Ballettzentrums. Der Andrang war in diesem Jahr so groß, dass nachträglich Stuhlreihen gebaut werden mussten.

Nicht weniger als 18 Programmpunkte boten die Schüler der Ballettschule, und so wurde es eine wunderbare Aufführung von knapp 90 Minuten Dauer! Den Anfang machten natürlich die Kleinsten mit einem „Keltischen Potpourri“, ihre Pädagogin Ann Drower hatte für die große Schar der Vorschule eine kindgerechte Choreografie kreiert. Klassische Variationen wechselten mit folkloristischen Etüden, „Dornröschen“ und „Napoli“ waren ebenso vertreten wie „Russische Matrosen“ und eine „Tarantella“.

John Neumeiers Werke sind immer eine besondere Herausforderung; die Stipendiatin der Ballettfreunde, Chloe Piozzi, glänzte in „Molly! Do you love me?“ aus „Yondering“ zusammen mit Matias Oberlin. In „Moonshine“, einem anspruchsvollen Tanz aus der Ukraine, war Chloe Piozzi ebenfalls souveräner Mittelpunkt. Als Beispiel aus dem Unterricht in Modern Dance zeigten Schüler der Ausbildungsklasse V ein Stück von Stacey Denham – darin war Giacomo Rovero, ebenfalls Stipendiat, zu sehen. Die dritte Stipendiatin, Giorgia Giani, zeigte sich in „Spread“, einer Gestaltung ihrer Kollegin Simone Repele – nicht nur Tanz-, sondern auch Choreografie-Talente werden gefördert.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Kurznachrichten

Polina Semionova, Thiago Bordin und zwölf weitere Tänzer werden bei der Gala zur Verleihung der Deutschen Tanzpreise 2013 am 2. März im Essener Aalto Opernhaus mitwirken. Der Hauptpreisträger 2013 ist Ulrich Roehm, und das Bundesjugendballett wird mit dem Deutschen Tanzpreis >ZUKUNFT< ausgezeichnet. Folgerichtig gestalten alle 14 ZUKUNFT-Tanzpreisträger der vergangenen Jahre diesen Abend, sowohl in der Kategorie Tanz als auch Choreografie: Eric Gauthier, Terence Kohler, Katja Wünsche, Christian Spuck, Alicia Amatriain, Flavio Salamanka, Iana Salenko, Marian Walter, Marijn Rademaker, Daniel Camargo, Gözde Özgüz und Jason Reilly. Informationen unter 0201-7478470.

Am 30. Oktober 2012 fand im Italienischen Kulturinstitut ein Gespräch zwischen Daniela Rothensee – Pressestelle des HAMBURG BALLETT – und den beiden Italienerinnen Silvia Azzoni und Laura Cazzaniga statt. Kurze Filmausschnitte zeigten beide in bekannten Rollen, doch wurde auch das alltägliche Leben der beiden in Hamburg thematisiert. Aufgrund der großen Nachfrage wird der Abend im nächsten Jahr erneut angeboten, Informationen: Italienisches Kulturinstitut, Hansastr. 6, 20149 Hamburg.

Dass Tango viel mehr sein kann als ein Standardtanz, beweist „Tango Pasión“: Vom 25. bis zum 31. Dezember gastieren argentinische Künstler auf Kampnagel und zeigen ein atemberaubendes Programm zum 20-jährigen Jubiläum der Truppe. Zwölf virtuose Tänzer, sieben Musiker und eine Sängerin präsentieren die hohe Kunst des Tango Argentino.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Letzte Aktualisierung: 27.05.13, [ddd]