Homepage > Archiv > Rundschreiben > Juli 2014

Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom Juli 2014

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

40 Jahre Hamburger Ballett-Tage, welch‘ eine Leistung!

Wir alle haben mit großer Aufmerksamkeit die Vielfalt des Programms begleitet und sind wohl jeden Abend aufs Neue überrascht worden. Die Leistung der Tänzerinnen und Tänzer kann nicht hoch genug gelobt und geschätzt werden. Allein die Premiere von „Tatjana“ hat allen in der Compagnie die höchste Konzentration abverlangt, da die Musik von Lera Auerbach keine eingängigen Melodien bildet, sondern jeder Schritt ausgezählt werden muss. Es ist ein Wunder, dass nach allen Schwierigkeiten bei den Proben der Premierenabend so erfolgreich über die Bühne ging. Besonders erwähnen möchte ich Edvin Revazov, der trotz erheblicher körperlicher Einschränkung seine Bestleistung als Onegin gebracht hat, ganz zu schweigen von Hélène Bouchet, die einfach eine großartige, mädchenhafte, verträumte und gewandelte Tatjana darstellte. Auch Alexandre Trusch als Lensky und Leslie Heylmann als Olga bleiben unvergesslich in Erinnerung.

Große Begeisterung beim Gastspiel des Nederlands Dans Theaters!

Erwähnen möchte ich, dass Parvaneh Scharafali in der Ballettschule John Neumeier ausgebildet wurde und auch auf der Bühne der Staatsoper getanzt hat. Auf der Premieren-Feier wurde sie von John Neumeier in besonderem Maße hervorgehoben und gelobt, wie überhaupt die Begeisterung für die Niederländische Compagnie auch bei unseren Tänzern sehr groß war.

Die Nijinsky-Gala hat wohl alle Wünsche erfüllt, die ein Ballettfreund sich erträumt. Lang hat es gedauert. So können wir getrost in die Sommerferien gehen und noch lange das Gesehene und Erlebte in uns nachklingen lassen.

Wir vom Vorstand sind in der Planung schon weiter und bereiten eine Tagesfahrt nach Hannover vor zur Ballettpremiere „Der Kuss – Rodin und Claudel“ in der Choreografie von Jörg Mannes, Ballettdirektor in Hannover, am Samstag, dem 22. November 2014.

Wie immer wird Frau Fischer in diesem Rundschreiben ausführliche Berichte über die Ereignisse bringen.

So wünsche ich Ihnen im Namen des Vorstands erholsame Sommertage und freue mich, Sie im Herbst gesund und erfrischt wiederzusehen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Marjetta Schmitz-Esser

^ oben

Künstlergespräch mit Lloyd Riggins am 9. April 2014

Marjetta Schmitz-Esser begrüßte den Ersten Solisten und Ballettmeister des HAMBURG BALLETT im Petipa-Saal des Ballettzentrums, der mit Ballettfreunden aus Hamburg gut gefüllt war. In der vergangenen Spielzeit, jener des 40-jährigen Jubiläums des HAMBURG BALLETT, tanzte Lloyd Riggins in 65 Vorstellungen – üblich sind rund 40 pro Saison!

Lloyd Riggins wird ab nächstem Jahr eine neue Position bekleiden: Als stellvertretender Direktor, der möglicherweise einmal die Nachfolge von John Neumeier übernimmt. „Meine Mutter und mein Onkel gründeten das ORLANDO BALLET, eine kleine Compagnie in Florida; dort habe ich schon sehr viel gelernt und von meiner Mutter mitbekommen“, so Riggins. Ihm war früh klar, dass er nach seiner aktiven Zeit nicht als Choreograf arbeiten werde, denn diesen Drang, Schritte zu erfinden, habe er nicht, „ich wollte gern Instrument sein“. In der Vergangenheit wurde ihm mehrfach die Leitung des KÖNIGLICH DÄNISCHEN BALLETT in Kopenhagen angeboten; schon während seines ersten Jahres in Hamburg wurde das Angebot aus Kopenhagen zum ersten Mal an ihn herangetragen, damals war Lloyd Riggins 26 Jahre alt – zu jung, um ein Haus von dieser Größe zu leiten, sagte er sich seinerzeit. Und er beobachtete einen Trend in den 1980er Jahren, berühmte Tänzer-Stars zu Ballett-Direktoren zu machen, denn mit großen Namen an der Spitze konnte man in den USA Sponsoren und Geld bekommen; das aber war eine falsche Taktik, denkt Lloyd Riggins. Insofern ist seine Mutter ein Vorbild, sie war nicht in einer bekannten Compagnie, kein Star, denn „es ist besser, ein guter Künstler zu sein als ein bekannter“. Regelmäßig und alljährlich arbeitete er als Erster Gast-Ballettmeister in Kopenhagen; in dieser Zeit war ein häufiger Wechsel in der Leitungsposition zu beobachten. Drei Mal fragte man von dort bei ihm an, drei Mal lehnte Lloyd Riggins ab, jeweils aus unterschiedlichen Gründen.

Wie kann das großartige Œvre John Neumeiers, sein Erbe gerettet werden? Das fragt sich nicht nur das Hamburger Publikum, sondern auch Zuschauer in aller Welt. Lloyd Riggins führt das Beispiel des NEW YORK CITY BALLET an, bei dem im Fall von George Balanchine eine Gelegenheit vertan wurde. In Hamburg ist es zum Glück so, dass die Ballette noch getanzt werden und lebendig überliefert werden können.

Marjetta Schmitz-Esser sagte, dass niemand als Lloyd Riggins besser geeignet sei, das Erbe in die Zukunft zu führen, vielleicht habe das Schicksal es so gemeint und ihn deshalb in Hamburg gehalten. Auch werde er ja in absehbarer Zeit seine Karriere beenden. „Ja, das ist eher praktisch, dass ich bald aufhören werde zu tanzen, die nächste Saison könnte die letzte sein. Aber ich habe kein schlechtes Gefühl, nicht mehr zu tanzen. Sicher, es ist für keinen Tänzer einfach aufzuhören, das weiß ich auch von meiner Frau. Violette Verdy riet mir, so lange zu tanzen wie irgend möglich und nicht vom Älterwerden zu reden.“ Ein Beispiel zu Ballett „Messias“: „Der erste Akt wurde für Niurka, Laura und mich kreiert, und wir drei geben heute unser Wissen weiter. Das ist wunderbar, es ist etwas Positives, es so lebendig weiterzugeben. Je mehr du kannst, desto mehr lebt weiter.“

Nach dem Stellenwert der Technik und einer Balance zwischen Schauspielqualitäten und Tanz befragt, antwortete der Erste Solist, dass sich die Priorität mit zunehmendem Alter verlagere; man sei „nicht mehr so besorgt über die Arabesque, sondern es geht mehr um die Energie und die Präsenz auf der Bühne“.

Woher nimmt er die Kraft? „Ich liebe meine Arbeit“, entgegnete Lloyd Riggins. „Wir haben einen so langen Sommerurlaub, wir fliegen jeden Sommer in die USA nach Philadelphia – und ich habe nach zwei Wochen Entzugserscheinungen. Wir sind Künstler, und wir müssen ehrlich sein mit unseren Kindern und eine Balance finden. Meine Tochter geht in die Vorschulklasse der Ballettschule des HAMBURG BALLETT, sie hat Spaß dort: Sie ist laut und selbstbewusst, eine Puertoricanerin, ein Clown. Mein Sohn sagt, er will nicht Tänzer werden, aber er tanzt ständig… Hamburg ist unsere Heimat, beide Kinder sind hier geboren. Mein Leben ist so reich und voll, ich hatte so viel Glück…“

Marjetta Schmitz-Esser fragte im Folgenden nach Plänen, wie er die Leitung anzugehen gedenke. „Ich habe dazu ein paar Ideen, aber darüber noch nicht mit John Neumeier gesprochen. Ich schaue mir andere Compagnien an, was dort funktioniert und was nicht.“ Ferner könne er sich vorstellen, andere Choreografen einzuladen, die gern mit der Compagnie arbeiten wollen, denn „die Compagnie ist so toll; sie könnten nach Hamburg kommen, die Werke studieren, diese Ballette, das Erbe, und dann etwas Neues machen.“

„Wir haben auch talentierte Choreografen in der Compagnie. Vor einer Weile hatten wir diesen Wettbewerb Dom Pérignon, das war sehr interessant mit diesen Choreografen zu arbeiten. Es hatte eine so überwältigende Energie.“

Doch gibt es ja nicht so viele Choreografen, die abendfüllende Werke schaffen, wandte Marjetta Schmitz-Esser ein. Lloyd Riggins entgegnete: „Die Frage ist doch, wollen diese jungen Choreografen nur ein zwanzigminütiges Ballett machen oder dürfen sie kein längeres kreieren? Man muss ihnen die Chance geben, auch mal stolpern oder das Falsche machen zu dürfen.“

John Neumeiers Werk weist eine große Bandbreite an Themen und Stilen auf. „Zukünftig könnte es so sein, dass junge Choreografen gezielt in Hamburg das Werk John Neumeiers studieren, hier angeleitet werden. Vielleicht hilft es: Indem man Werke studiert, bekommt man mehr Tiefe.“ Früher waren Ballettdirektoren nicht unbedingt Choreografen, räumte er ein. Und führte noch einmal ein negatives Beispiel aus den USA an: „Der Anfang vom Ende war seinerzeit, als Ronald Reagan den Etat für Kultur kürzte, und das, obwohl er einen Sohn hatte, der Balletttänzer war.“

Um bestens auf die neue Aufgabe vorbereitet zu sein, riet ihm Frank Andersen, ehemaliger künstlerischer Direktor des KÖNIGLICH DÄNISCHNE BALLETT, er solle sich im Business-Bereich kundig machen. Und so plant Lloyd Riggins, sich ab 2015 schulen zu lassen, um die kaufmännische Seite der künftigen verantwortungsvollen Position kennenzulernen.

Zum Abschluss dankte Marjetta Schmitz-Esser ihrem Interviewpartner Lloyd Riggins ausdrücklich dafür, dass er bereit war, das Interview in deutscher Sprache zu machen.

[Dagmar Ellen Fischer]

^ oben

Ballett-Werkstatt am 1. Juni 2014

„Wir wissen nicht, wie die Musik klingt. Es wird eine Überraschung, um es milde auszudrücken!“ So leitete ein offensichtlich beunruhigter John Neumeier thematisch die letzte Ballett-Werkstatt der vergangenen Spielzeit ein. Um „Tatjana“ sollte es gehen, doch „Schlüsselszene habe ich noch nicht gefunden…“, vier Wochen vor der Uraufführung. Man konnte spüren, wie sich die Unruhe in der Oper ausbreitete. Oder positiv formuliert: Es ergab sich ein Spannungsaufbau, der sich konstruktiv in Kreativität umwandeln würde. Doch das Warten auf die Partitur von Lera Auerbach brauchte tatsächlich starke Nerven, denn sämtliche Proben konnten bis zu diesem Zeitpunkt nur von Klavierauszügen begleitet werden.

Inhaltlich war indes schon klar, dass die Geschichte um „Onegin“ – den die angelsächsische Welt übrigens One-Gin ausspricht, also wie die englische eins und das Getränk an Tonic – nicht im 19. Jahrhundert angesiedelt sein würde. Im Grunde springe es in den Zeiten, doch ein großer Teil spielt zwischen 1930 und 1950, in einer Zeit der Sowjetunion, „in der es logisch wäre, dass ein Mädchen wie Tatjana aus der grauen Realität flieht.“ Inspirierend war auch Dostojewskis Sicht auf den Kollegen Puschkin, der in dessen Romanfigur Tatjana die stärkere Persönlichkeit sah: „Sie, nicht er ist der Held“. Tatjana verleihe „ihrer prosaischen Welt etwas Poetisches. Sie ist wild, scheu, nicht besonders schön und liebt Gruselgeschichten…“, stellt John Neumeier seine Heldin vor. Die leidenschaftliche Bücherleserin „hat ihr Leben als Roman in sich schon geschrieben.“ Das Ballett soll filmisch erzählt werden, so Neumeier, bei dem eine Szene in die nächste übergeht. Drei Inseln dominieren das Bühnenbild, drei bewegliche Kammern, die symbolisch ihre Bewohner verraten: Ein Fenster für Tatjana, ein Bett für Onegin, ein Klavier für Lensky.

Letzterer besitzt diese Hingabe an seine Kunst (bei Puschkin ein Dichter, wird er bei Neumeier zum Komponisten) und ist zu einer Liebe fähig, um die ihn Onegin nur beneiden kann. Seine Liebe zu Olga inspiriert Lensky, doch Olga flirtet mit vielen Männern; und man kann dem Roman entnehmen, dass sie nach Lenskys Tod nicht lange wartet. Tatjana hingegen scheint auf Onegin zu warten, schreibt ihm einen leidenschaftlichen Brief, der mit der Frage endet: „Bist du ein Engel oder ein Teufel?“

Puschkin schreibt in seinem Roman: „Stellen Sie sich vor, Tatjana hat Onegin abgewiesen, das hätte ich nicht gedacht…“ – so als sei er überrascht vom Ende der selbst erdachten Geschichte. Er spricht von „meiner Tatjana“ wie von einer Freundin. Diesen Geist übernimmt John Neumeier, „so wird auf der Bühne eine Gegenwart hergestellt“, verrät der Choreograf.

[Dagmar Ellen Fischer]

^ oben

John Neumeiers Tatjana

Düster beginnt der Abend, einer bedrohlichen Vorahnung gleich: Zwei schwarz gekleidete Gestalten treffen Vorbereitungen für ein Duell. Sekundanten und Todesengel gleichermaßen, großartig verkörpert von Sasha Riva und Marc Jubete, nehmen sie den Kern der Geschichte als Prolog alptraumhaft vorweg: Das tragische Duellieren der Protagonisten Eugen Onegin und Vladimir Lensky; zwei Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Die männlichen Hauptfiguren aus Alexander Puschkins berühmtem Versroman „Eugen Onegin“ stehen für zwei Lebensmodelle, die sich überall auf der Welt und zu allen Zeiten finden: Onegin ist ein gelangweilter, überheblicher Dandy, der nach dem Lustprinzip lebt und sich auf nichts wirklich einlassen will; Lensky dagegen der leidenschaftlich für seine Kunst brennende und temperamentvolle Gefühlsmensch. Ihnen zur Seite zwei ebenfalls sehr unterschiedliche Frauentypen: Olga, ein lebenslustiges und oberflächliches Mädchen, ist Lenskys große Liebe und Inspirationsquelle; ihre ältere Schwester Tatjana hingegen eine sich in Traumwelten flüchtende, ernste junge Frau, die sich ebenso unsterblich wie unglücklich in Onegin verliebt.

Soweit die spannungsgeladene Vierer-Konstellation, wie sie der russische Schriftsteller Puschkin ersann und 1833 als Roman in Versen veröffentlichte. Mehr als hundert Jahre später verwandelte John Cranko den dramatischen Stoff in eine Choreografie, die 1965 mit dem Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde und als das am häufigsten gezeigte Handlungsballett des 20. Jahrhunderts in die Tanzgeschichte einging. Damals gehörte John Neumeier zum Ensemble in Stuttgart; 2014, fast 50 Jahre später, erzählt er nun seine Version der Ereignisse: aus Tatjanas Perspektive. Das zweieinhalbstündige Werk erlebte seine umjubelte Uraufführung am 29. Juni 2014 zur Eröffnung der 40. Hamburger Ballett-Tage.

„Tatjana“ sitzt am Fenster, liest und träumt. Ebenso Fenster zu ihrer Seele, klettern durch diese Öffnung zu Beginn allerlei Figuren aus ihren Büchern, die in ihrer Fantasie lebendig werden – später wird Eugen Onegin den gleichen Weg zu ihr nehmen. Doch der Lebemann erwidert ihre Liebe nicht, pflegt den Müßiggang und zahlreiche Affären. Als er auf einem Fest der Familie allzu heftig mit Tatjanas Schwester Olga flirtet, fordert deren Verlobter Lensky den Rivalen zum Duell. Onegin erschießt den einstigen Freund und verschwindet aus Tatjanas Leben. Zehn Jahre später begegnen sich die beiden erneut; Tatjana hat inzwischen einen angesehenen Adeligen geheiratet. Nun ist es Onegin, der sich in die unerreichbare Frau verliebt. Doch Tatjana widersteht seinem späten leidenschaftlichen Werben, obwohl ihre Gefühle für Onegin unvermindert existieren. „Ich liebe Sie, warum es verhehlen? Aber ich bin einem anderen gegeben worden. Ich werde ihm mein Leben lang treu sein.“ Heißt es in Puschkins Versroman an dieser Stelle.

John Neumeier kommt Alexander Puschkin sehr nah. Die Stimmung im russischen Landhaus, Tatjanas Einsamkeit, Onegins Langeweile und Lenskys aufbrausendes Temperament – für jede Situation und jeden Charakter findet der Choreograf eindringliche Bilder. Sogar der russische Bär taucht sowohl konkret und als Metapher auf. Die Erste Solistin Hélène Bouchet in der Titelrolle macht sich durchlässig, geradezu transparent für jegliche Gefühlsregung, das Publikum kann auf diese Weise eine breite Skala von Emotionen an ihren Bewegungen ablesen; sie durchlebt – wie der Roman es vorschreibt – eine Entwicklung von Jahren an einem Abend, vom plötzlich entflammten jungen Mädchen zur klugen, in sich ruhenden Frau. Der Erste Solist Edvin Revazov verkörpert den arroganten Onegin überzeugend; auch die Verzweiflung am Ende glaubt man ihm, wenn Tatjana ihn nach dem ersten und einzigen Kuss sitzen lässt. Alexandre Trusch verleiht der Figur Vladimir Lenskys eine überragende Strahlkraft, seine bedingungslose Liebe zu Olga berührt ebenso wie die wilde Entschlossenheit, sich ihretwegen mit Onegin zu duellieren. Leslie Heylmann gibt die auf vielen Hochzeiten tanzende Olga passenderweise mit dem immer gleichen Lächeln und einem koketten Augenaufschlag. Als Fünfter im Beziehungsreigen brilliert Carsten Jung in der Rolle des Prinzen N., wie Tatjanas Ehemann in John Neumeiers Fassung heißt, er ist der verlässliche Fels in der Brandung.

Die Übersetzung von Literatur in Tanz erfolgte für „Tatjana“ im Zusammentreffen mit der von Lera Auerbach als Auftragswerk komponierten Musik. Die Komposition aus Stilmischungen bildet einen passenden, mitunter angepassten Klangteppich, der den Tanz unterstützt. Reibung und Spannung hingegen erzeugen kleine Gesten: Wenn Tatjana sehnsuchtsvoll ihre rechte Hand nach Onegin ausstreckt, ihre linke Hand jedoch die rechte wieder zurückholt, als seien beide nicht vom selben Körper, sondern von widerstrebenden Kräften gesteuert.

[Dagmar Ellen Fischer]

^ oben

Gastspiel Nederlands Dans Theater

Lautstarke Bravorufe und stehende Ovationen – nach dem Gastspiel des NEDERLANDS DANS THEATER I raste das Publikum vor Begeisterung. Hausherr John Neumeier hatte die weltberühmte Compagnie mit ihrem Doppelprogramm „Sehnsucht/Schmetterling“ zu den diesjährigen Ballett-Tagen eingeladen. Kein Spitzenschuh, dafür Tanz auf Spitzenniveau, der berührt und berauscht: Zunächst „Sehnsucht“ als menschliche Triebkraft, die uns sogar entmutigende Erfahrungen ertragen lässt. Ein Paar in einem erhöht aufgehängten Raum, der sich dreht und kippt, so dass auch Wände und Decke zum betanzbaren Boden werden. Die weibliche Protagonistin hier war Parvaneh Scharafali, die schon zu ihrer Zeit als Gruppentänzerin im HAMBURG BALLETT mit ihrer Ausstrahlung ins Auge fiel. Begleitet wurden die Solisten von aufwühlender Musik Beethovens und einer zwölfköpfigen Truppe aus Männern und Frauen mit nackten Oberkörpern, die jedoch im Gegensatz zu den Solisten den erdenden Kontakt zum Bühnenboden nie verloren.

Nach der Pause flatterte kein „Schmetterling“, dafür ein ganzes Ensemble schwarz gekleideter, verrückter Gestalten über die dunkle Bühne; Energie geladene Ausbrüche exzentrischer Individuen wechselten mit Begegnungen von großer Behutsamkeit – Insekten sind verletzliche Wesen. Befremdliche und verquere, aber immer faszinierende Bewegungen der elf Tänzer – allesamt starke, eigenwillige Bühnenpersönlichkeiten – schlugen die Zuschauer in Bann. Dazu erklang Musik, die eine magische Atmosphäre herzustellen vermochte. Als die beiden begnadeten Choreografen Sol León und Paul Lightfoot zum Schlussapplaus auf die Bühne kamen, kannte die stürmische Begeisterung kein Halten mehr!

[Dagmar Ellen Fischer]

^ oben

Nijinsky-Gala XL

13. Juli 2014. Jener denkwürdige Sonntagabend. Nicht in Rio, sondern in Hamburg. Auflauf der jungen Männer in Trikots: Nummer 1 mit Namenszug Neuer auf dem Rücken, Nummer 13 mit Müller. Aber unter den Fußball- verstecken sich Tanz-Trikots, getragen von Tänzern des Bundesjugendballetts – die mit dieser Verkleidung zum Auftakt der „Nijinsky-Gala XL“ in der Oper gleich ein lachendes Publikum für sich gewannen: Die „Petruschka-Variationen“ von John Neumeier bekamen so eine eigene dynamische Note.

„Wir wollten unsere Gala sportlich beginnen“, erläuterte Ballettintendant John Neumeier schmunzelnd zur Begrüßung. Und beruhigte das Publikum: „Nijinsky-Gala XL“ bedeute nicht, dass die Übernachtung inbegriffen sei; er habe lediglich allen (Ersten) Solisten einen Aufritt verschaffen wollen. Wie gewohnt, dauert die Gala 2014 fünfeinhalb Stunden, nicht länger!

Und sie blieb anders. Als Finale der 40. Hamburger Ballett-Tage und zum Spielzeitende bot sie unter dem Motto „Russland: Musik, Thema, Text und Tänzer“ neben großen Gefühlen und Weltklasse-Niveau auch Überraschungen. Beispielsweise als der Gast Yonah Acosta seinen Auftritt als „Le Corsaire“ verpasste und die (vielleicht zu früh einsetzende) Musik live zu leerer Bühne spielte – um wenig später erneut mit dem beeindruckenden Ballett-Star gemeinsam aufzuspielen. Den bekannten Pas de deux tanzte der Kubaner (Neffe des Welt-Stars Carlos Acosta) mit Alina Cojocaru, die als regelmäßige Gastsolistin das HAMBURG BALLETT bereichert. Der Russland-Bezug: „Le Corsaire“ wurde 1899 in St. Petersburg uraufgeführt, ein Werk des gebürtigen Franzosen Marius Petipa, der am Zarenhof über 50 Jahre lang als Choreograf Karriere machte.

Des Weiteren gab es Ausschnitte aus Petipas „Dornröschen“, Neumeiers „Der Nußknacker“ und Crankos „Onegin“ zu sehen – allesamt zur Musik des russischen Komponisten Tschaikowsky. Was Tschaikowsky für Petipa, das war Strawinsky für George Balanchine, insofern durfte der moderne russische Komponist, der den Tanz ebenfalls beflügelte, an diesem Abend nicht fehlen: In einem Ausschnitt aus John Neumeiers „Orpheus“ zu Strawinskys gleichnamiger Musik tanzte Hélène Bouchet als Eurydike mit Otto Bubenícek, den das Publikum noch einmal in der Titelrolle bewundern konnte.

Auf andere Art überraschte die Interpretation russischer Gast-Tänzer des weltberühmten Bolschoi-Balletts: John Neumeiers Geniestreich „Die Kameliendame“ war in der anderen Besetzung kaum wiederzuerkennen und für das Hamburger Publikum wie neu.

Traurig wurde es beim Bühnen-Abschied der beliebten Ersten Solisten Anna Polikarpova, die ins pädagogische Fach wechselt, und Thiago Bordin, der künftig beim Nederlands Dans Theater in Den Haag tanzen wird.

Eine glanzvolle Gala als aufregendes Wechselbad der Gefühle, mit John Neumeier als gewohnt charmantem Moderator, der den Abend mit der Ansage beendete: „1:0 für Deutschland“!

[Dagmar Ellen Fischer]

^ oben


Weitere aktuelle Veranstaltungshinweise

Archiv mit Rundschreiben (gekürzte Fassungen!)

^ oben

< zurück


Homepage | Verein | Veranstaltungen | Rundschreiben | Reiseangebote | Links | Archiv | Kontakt | Impressum


Letzte Aktualisierung: 29.11.14, [ddd]