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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom Dezember 2015

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

wie schnell doch dieses Jahr wieder zu Ende geht, und schon steht Weihnachten vor der Tür.

Es gab viele wunderbare Ballettereignisse sowie rege Tätigkeiten des Vereins, die uns wieder neue Einblicke in die Welt des Tanzes gegeben haben. Sicherlich war einer der Höhepunkte unsere Reise nach Venedig.

Natürlich planen wir schon jetzt die Reise für 2016. Wir werden Sie rechtzeitig darüber informieren, wenn wir Karten- und Hotel-Bestätigung haben. So können wir heute noch nicht sagen, wohin es geht und zu welcher Zeit. Vorgesehen ist Ende Mai oder Anfang Juni 2016.

Über die Gesprächsabende im Ballettzentrum mit Lukas Onken und Natalia Horecna sowie Simon Hewett wird Frau Fischer ausführlich in diesem Rundschreiben berichten. Es war schade, dass nicht mehr Mitglieder daran teilgenommen haben, denn durch die Gespräche bekommen wir einen sehr genauen Eindruck von der Arbeit hinter den Kulissen. Besonders beeindruckend waren die Ausführungen des australischen Dirigenten Simon Hewett, der uns viele Dinge, die ein Dirigent in Bezug auf das Ballett zu berücksichtigen hat, auf sehr intelligente Weise in bestem Deutsch erklärt hat. Wir sind sehr dankbar, dass Künstler, die so viel zu tun haben, sich uns unentgeltlich zur Verfügung stellen und somit unseren Horizont erweitern. Übrigens ist es ein großes Entgegenkommen des Ballettzentrums, uns die Räume kostenlos für solche Abende zur Verfügung zu stellen. Man denke nur an die Arbeit: Aufstellen der Stühle, Technik (Mikrofon), Aufbau eines Podiums etc. Das ist nicht selbstverständlich. Auf diesem Weg Dank an alle, die extra für uns da sind, um zum Gelingen des jeweiligen Abends beizutragen.

Mit dem Punschabend, zum letzten Mal in der Gurlittstraße, haben wir das Jahr abgeschlossen, wie immer bei bester Stimmung. Es wurde viel gelacht, gegessen und getrunken, aber auch der Geist kam nicht zu kurz. Ich habe, wie es bei uns Tradition ist, zur Freude aller eine Weihnachtsgeschichte vorgelesen.

Wir sind sehr froh darüber, dass wir im Haus des CVJM, das Ihnen ja schon von unserer Mitgliederversammlung bekannt ist, unsere neue Geschäftsstelle einrichten können. Die Adresse lautet: An der Alster 40, praktisch um die Ecke der Gurlittstraße.

Im Namen des Vorstands wünsche ich Ihnen frohe Weihnachten und ein friedvolles neues Jahr.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Marjetta Schmitz-Esser

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Neue Geschäftsräume im CVJM, An der Alster 40

Unsere neue Geschäftsstelle befindet sich im Haus des CVJM, An der Alster 40, 20099 Hamburg. Sie liegt in direkter Umgebung der Gurlittstraße und ist von dort in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar.

[Delf D. Danckwerts]

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Tagesfahrt nach Berlin zur Show im Friedrichstadt Palast

Am 21. November 2015 fuhren wir mit 43 Personen mit dem Bus nach Berlin. Dieses Mal war unser Ziel der Friedrichstadt Palast mit der Nachmittagsshow „The Wyld – Nicht von dieser Welt“.

Frau Dreher hatte ein echtes Berliner Restaurant gleich neben dem Friedrichstadt Palast ausfindig gemacht und für die Gruppe dort Tische bestellt. So konnten wir uns bei gutem Essen schon auf die Vorstellung innerlich vorbereiten.

Wohl alle Mitfahrer waren begeistert von der Präzision und üppigsten Ausstattung der Produktion. Die tänzerische Qualität der Künstler erinnerte an Shows in Las Vegas. Oft stockte uns der Atem, besonders bei der Darbietung der Luftakrobaten. Das lässt sich gar nicht beschreiben, das muss man gesehen haben.

Vergnügt und zufrieden kehrte die Gruppe nach Hamburg zurück.

[Marjetta Schmitz-Esser]

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Gespräch mit der Choreografin Natalia Horecna und Lukas Onken

Auf dem Weg zu einem Sitzplatz im Halbrund mussten die Zuhörer im Petipa-Saal des Ballettzentrums erst an einem Bett vorbei — ein Requisit für das Ballett „Duse“. Doch der Anlass zum Gespräch war ja ein anderer: die bevorstehende Uraufführung von „Claude Vivier — Enlightened Child“, Natalia Horecnas dritter Choreografie für das Bundesjugendballett. Lukas Onken, der als Orchestermusiker arbeitete, bevor er die organisatorische Leitung des Bundesjugendballetts übernahm, lernte die Musik des Komponisten Claude Vivier über das Ensemble Resonanz kennen, das die Choreografie auch live begleitete. Daraufhin machte er Natalia Horecna mit den drei Kompositionen bekannt, diese aber stufte sie nach dem ersten Hören zunächst als „schwierig“ ein. Doch schon bald nahm sie den „tiefen seelischen Schmerz“ wahr, „ich konnte seine Tränen hören“, erzählt die Choreografin. Ein Jahr lang habe sie „im Kopf“ daran gearbeitet. Auf die Frage, ob es schwer gewesen sei, diesen sehr jungen Tänzern eine solche Gefühlstiefe zu vermitteln, antwortete Natalia Horecna: „Ich glaube an die Liebe, und wenn man sich vom eigenen Ego befreit, dann öffnen sich auch die Tänzer. Die Musik ist in gewisser Weise nackt,“ und eine solche Ehrlichkeit braucht es auch von Seiten der Darsteller. Lukas Onken bringt die Junior-Company gezielt mit Live-Musik zusammen, weil die einen anderen Zugang zu den Kompositionen ermöglicht. Viviers Musik sei nicht leicht zugänglich, räumt auch er ein, und die Musiker sollten das Werk sehr gut kennen. Die atonale und rhythmisch komplexe, zeitgenössische Musik müssen die Tänzer jedoch nicht zählend in ihrer Struktur erfassen, „sie tanzen aus dem Bauch“, wie es die Choreografin nennt. Nach wichtigen Lehrern und Vorbildern befragt, die Einfluss auf ihre Arbeit nahmen, nennt Natalia Horecna „John Neumeier, er ist mein größter Mentor, weil er eine emotionale Sprache spricht. Ich liebe es, Emotionen zu zeigen; bei Jiří Kyliàn zum Beispiel durfte nichts übers Gesicht vermittelt werden, sondern alles nur über den Körper.“ Sie sei die einzige Choreografin ihrer Generation, die Geschichten erzählt.

Das Choreografieren habe sie erst für sich entdeckt, nachdem ihr Vater sie dazu ermutigte; und so debütierte sie mit einem 12-minütigen Stück in den Niederlanden — und stellte fest, dass „es sich so leicht anfühlt: Es war Liebe auf den ersten Blick!“ Inzwischen ist sie eine gefragte Choreografin und kreierte mit unterschiedlichen Ensembles. „Jede Compagnie hat eine eigene Mentalität, in Monte Carlo herrscht sonnige Stimmung, in Kopenhagen dauert es länger, bis man an die Emotionen heran kommt“, gesteht sie. Die Verleihung des Taglioni-Preises in Berlin sorgte für einen weiteren Karriereschub: „Das war wie Ego-Streicheln!“ Und seither ist Natalia Horecnas Kalender noch etwas voller.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Bundesjugendballett: „Claude Vivier — Enlightened Child“

Der kanadische Komponist Claude Vivier kam 1948 in Montreal zur Welt. Sein Tod war so tragisch wie sein kurzes Leben: Wenige Tage vor seinem 35. Geburtstag wurde er in Paris von einem männlichen Prostituierten ermordet. Davor lagen drei Jahrzehnte innerer Zerrissenheit — und die ist auch in seiner Musik hörbar. 2015 haben sich zwei Hamburger Institutionen zusammengetan, um an den 1983 verstorbenen Künstler zu erinnern, der zu Kanadas bedeutendsten Komponisten zählt: das Ensemble Resonanz und das Bundesjugendballett zeigten auf Kampnagel „Claude Vivier — Enlightened Child“. Im Rahmen des Festivals für zeitgenössische Musik „Greatest Hits“ erklangen am 21. und 22. November drei seiner Werke, „Wo bist du Licht!“, „Bouchara“ und „Zipangu“.

Übliche Instrumente reichten nicht für Viviers Ideen, und so baute er Sätze aus Martin Luther Kings berühmter Rede „I have a dream“, französische Texte und Worte in einer von ihm selbst erfundenen Fantasie-Sprache in seine Musik ein. Das Ensemble Resonanz unter der Leitung des Kanadiers Jean-Michaël Lavoie beansprucht auf der größten Kampnagelbühne enorm viel Platz; folgerichtig nutzen die acht Tänzer aus John Neumeiers Junior-Company den Raum dazwischen, davor und dahinter optimal aus, sogar der Dirigent tanzt mit. Die Choreografin Natalia Horecna — Ex-Tänzerin in Neumeiers Hamburg Ballett — bringt mit ihren Bewegungen Licht in das Dunkel der Biografie: Als Adoptivsohn katholisch erzogen, war Vivier als Kind unbekannter Eltern zeitlebens auf der Suche nach der Mutter. Diese verzweifelte Sehnsucht verwandelt Horecna in ebenso intime, berührende und bewegte Bilder wie die wenigen Glücksmomente des Komponisten mit dem Geliebten.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Uraufführung „Duse“

Zu allererst sieht das Publikum in der Staatsoper einen Filmausschnitt: „Cenere“, das einzige Dokument, das Eleonora Duse als Schauspielerin zeigt, flirrt über eine auf der Bühne aufgestellte Projektionsfläche. Diese Fläche reflektiert die einsetzenden tänzerischen Aktionen, spiegelt die Tänzer, die folglich wie zusätzliche Figuren im Film auftauchen. Auf diese Weise mischen sich symbolisch auch die Zeitebenen, und dieses Prinzip wird John Neumeier über den gesamten, zweieinhalbstündigen Abend durchhalten.

In der ersten Szene, die „Im Kino“ betitelt ist, erhebt sich die internationale Starsolistin Alessandra Ferri als „Duse“ aus einer mobilen Kinositzreihe und nimmt Kontakt zu einem kleinen Jungen auf; er ist der Sohn, den die Künstlerin nie hatte, oder auch das Kind aus dem Film. Wenn sich die dunkle Kino-Atmosphäre auflöst, taucht als Bühnenrückwand eine helle Gebäudefassade auf, die italienische Architektur suggeriert. Diese Rückwand öffnet sich, um den Blick auf Stacheldraht, schwefelgelbe Luft und Soldaten freizugeben: Der Erste Weltkrieg bricht in die Szenerie ein. Alexandr Trusch übernimmt die Rolle eines jungen Soldaten und wechselt tanzend zu jener des Romeo, Duses Bühnenpartner in Shakespeares bekannter Tragödie. Silvia Azzoni übernimmt die Rolle der kapriziösen Sarah Bernhardt, Vorbild und Konkurrentin; sie spielt eine Szene aus der „Kameliendame“, eine Figur, mit der sie große Erfolge feierte und die sich Eleonora Duse ebenfalls früh eroberte. Ihr Geliebter Armand wird hier verkörpert von Karen Azatyan, der auch die Rolle von Gabriele D’Annunzio, dem jüngeren Liebhaber der Duse übernimmt, der als Autor von ihrem Ruhm profitierte. Auch Carsten Jung verwandelt sich von Arrigo Boito, dem väterlichen Freund und Mentor, in einen Bühnenpartner und schlüpft unvermittelt in die Rolle von Monsieur Duval, dem Vater von Armand in der „Kameliendame“. Wenn Szenen dieses berühmten Werks dargestellt werden, zitiert sich John Neumeier selbst mit Bewegungen aus seiner gleichnamigen Choreografie. Auch eine Situation zwischen der Kameliendame und Armand verwandelt sich von einer Bühnenszene in den persönlichen Konflikt zwischen der Duse und D’Annunzio, die Übergänge sind fließend. Historisch überliefert ist, dass die bekannte amerikanische Tänzerin Isadora Duncan nach dem tragischen Tod ihrer beiden Kinder bei ihrer italienischen Freundin Duse Trost suchte, und sowohl der Unfall als auch die Freundschaft werden im Ballett thematisiert. Der erste, ungefähr 90 Minuten dauernde Teil der Choreografie endet wie er begann: Mit Filmaufnahmen, nun von der Überführung des Sargs aus den USA nach Italien, denn Eleonora Duse starb 1924 während eines Gastspiels in Pittsburgh.

Nach der Pause geht es „In einer anderen Welt“ weiter: Eine verletzliche, nur mit haut-farbenem Trikot bekleidete Alessandra Ferri kehrt zögernden Schritts zurück, und die vier für ihr Leben bedeutenden Männer folgen ihr: Der junge Soldat, der väterliche Freund, der jüngere Liebhaber und als Vierter Marc Jubete, der auch schon im ersten Teil die Rolle des personifizierten Publikums übernimmt. Mit jedem der Männer tanzt die Prima Ballerina Assoluta einen Pas de deux, bevor sie jeden einzelnen aus ihrem Einzugsbereich entlässt. Das letzte Bild zeigt die Tänzerin auf einem Stuhl stehend, ihre Arme sind gen Himmel gerichtet.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Nikolausfeier im Ballettzentrum

Gigi Hyatt begrüßte die rund 80 anwesenden Ballettfreunde sehr warmherzig mit den Worten: „Dank Ihrer Unterstützung können wir arbeiten und tanzen!“ Dann folgte die einstündige Aufführung aller Klassen der Ballettschule, mit 13 Beiträgen von der Vorschule bis zu den Theaterklassen — und jede Darbietung wurde von den Kindern und Jugendlichen selbst angesagt. Den Anfang machten annähernd 50 Kinder der Vorschulklassen mit Folklore-Elementen zu russischen Volksliedern. Musikalisch wurden die Tänze und Etüden von anspruchsvollen Kompositionen begleitet, dazu gehörten Benjamin Britten, Johann Strauss, Louis Armstrong, Sergej Rachmaninow, Johann Sebastian Bach, Charles Gounod, Léon Minkus, Alexander Glazunov, Ludwig van Beethoven und Antonio Vivaldi. Zum Programm gehörte unter anderem eine Polka, ein Matrosentanz, klassische Etüden und Jazzelemente. Das Finale tanzten Jungen und Mädchen aus dem letzten Ausbildungsjahr: den Sommer aus „Eine Reise durch die Jahreszeiten“, choreografiert von John Neumeier.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Gespräch mit dem Dirigenten Simon Hewett

Zum dritten Mal traf Marjetta Schmitz-Esser einen Dirigenten im Rahmen ihrer Künstlergespräche: Simon Hewett wurde in Australien geboren, er stammt aus einer Familie, in der Wert darauf gelegt wurde, dass jedes Kind einen Zugang zu Musik bekommt. Er studierte in Queensland Klarinette, da er sich nach eigener Aussage in die klassische Musik von Mozart und Brahms verliebt hatte. Doch nur mitzuspielen, reichte ihm nicht, er wollte Musik formen und gestalten — da lag das Dirigieren nahe. Sein Vater war anfangs skeptisch, weil es in Australien nur wenige Opernhäuser und somit geringe Arbeitschancen gab. Doch ein Stipendium für ein Aufbaustudium in Deutschland bot eine Perspektive; gewonnen hatte Simon Hewett es aufgrund der Teilnahme an einem Wettbewerb in Perth, bei dem er zum ersten Mal mit 80 Profimusikern arbeiten musste. So kam er im Sommer 1998 nach Deutschland, zusammen mit anderen Studenten aus der ganzen Welt absolvierte er zunächst einen viermonatigen Sprachkurs in Freiburg. Er war so begeistert von den Möglichkeiten, die ihm seinerzeit geboten wurden, dass er sich als „lebenslangen Fürsprecher“ für diese Ausbildungschance des Goethe-Instituts bezeichnet. Nach Sicherstellung der Sprachkenntnisse nahm Hewett sein Studium in Weimar auf, dort schätzte er vor allem das solide Handwerk, dass die Professoren aus dem Osten Deutschlands vermittelten. „In England sagt man, Dirigenten werden geboren, aber das stimmt nicht,“ weiß er heute. Dirigieren sei erlernbar, und er habe selbst die Erfahrung gemacht, dass es manchmal nur „etwas weniger Arm-, dafür mehr Handbewegungen braucht — und plötzlich spielen die Instrumente zusammen…“ Von 2002 bis 2005 arbeitete er als „bescheidener Assistent“, wie er sich ausdrückte, am weltberühmten Opernhaus in Sydney, dort lernte er Simone Young kennen, die ihn 2005 nach Hamburg holte. Das erste Ballett, das er hier dirigierte, war „Parzival“.

Von Marjetta Schmitz-Esser nach der Verständigungsebene zwischen Tänzern und Dirigent befragt, antwortet der Musiker, der übrigens seit Jahren auch als Erster Kapellmeister am Opernhaus in Stuttgart arbeitet: „Es ist nicht anders als in der Oper. Wenn eine Sopranistin beispielsweise das schnelle Original-Tempo einer Arie nicht schafft, nützt es nichts, darauf zu beharren, denn dadurch würde das Ergebnis schlechter. Wir müssen einen gemeinsamen Eindruck machen!“ Im Tanz ist es ähnlich, auch da muss die Musik „wie ein Anzug für den Tänzer geschnitten werden; kein guter Dirigent setzt seine musikalischen Ziele durch auf Kosten der Sänger oder Tänzer,“ sagt Simon Hewett, der das Beste für das Gesamtergebnis erreichen will und sich als Begleiter versteht, der hilft, wo er kann. In einem Ballett von John Neumeier ist für Hewett fast immer etwas, in dem er sich emotional wiederfindet; das ist in der Oper längst nicht so. „Viele Opernkomponisten waren gute Dramaturgen und haben alles in der Partitur vorgegeben. Doch oft scheint es keine Verbindung zu geben zwischen dem, was auf der Bühne passiert und dem, was wir im Graben versuchen.“ Er illustriert es an einem Beispiel: im „Fliegenden Holländer“ gibt es eine Arie des Steuermanns, der dabei ist, einzuschlafen; doch wenn der Sänger vom Regisseur die Anweisung bekommt, zwischen halbnackten Frauen herum zu laufen, sucht man den Bezug zum Libretto und zur Intention der Musik vergebens…

John Neumeier merkte schnell, dass Simon Hewett „Lust hatte, Ballett zu begleiten“, deshalb engagierte er ihn nicht nur als ersten Dirigenten, sondern zusätzlich als musikalischen Berater. „Manchmal fragt John Neumeier mich nach Ideen, und ich mache Vorschläge.“ Während der Proben zur jüngsten Kreation „Duse“ ging es um die Verbindung der Kompositionen von Benjamin Britten und Arvo Pärt, beispielsweise um die Wechsel von großer zu kleiner Besetzung. Benjamin Britten lebte in Küstennähe, erzählt Hewett, an einem Ort, an dem sich Meer, Himmel und Regen miteinander verbinden, und so klingt auch diese Musik. „John Neumeier interessiert die neue, schlichte, moderne Klangwelt Brittens, denn das passt zu Duse, die auch eine moderne, neue Art des Spielens durchsetzte, schlicht und natürlich.“

Musik als internationale Sprache müsste überall auf der Welt gleich klingen, könnte man denken, aber das ist bei weitem nicht so. „Ein französisches Orchester spielt Mahler völlig anders als ein deutsches, weil die jeweilige Sprache, die Sprachmelodie des Deutschen oder des Französischen prägt.“ Obwohl inzwischen erfahren, gesteht der Dirigent, dass er immer noch nervös sei vor den Proben. „Die Beziehung zum Orchester ist wahnsinnig wichtig.“

Simon Hewett lebt mit seiner Frau, die ebenfalls Australierin ist, und den drei Kindern heute in Straßburg.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Kurznachrichten

Die japanische Inamori Foundation ehrte John Neumeier mit dem Kyoto Preis 2015. Der jährlich vergebene Preis gilt neben dem Nobel-Preis als eine der höchsten internationalen Auszeichnungen für Verdienste um Wissenschaft und Kultur. Neumeier erhielt die Auszeichnung am 10. November in der Kategorie „Arts and Philosophy“ für sein Lebenswerk und seine Verdienste für den Tanz. Bei einer feierlichen Zeremonie im Kyoto International Conference Center in der alten japanischen Kaiserstadt nahm John Neumeier die Kyoto-Preis-Medaille, ein Diplom und das Preisgeld von umgerechnet rund 360.000 Euro entgegen: „Mit Demut, einem tiefen Ehrgefühl und großer Freude nehme ich den Kyoto-Preis 2015 in der Kategorie ‚Kunst und Philosophie‘ an“. In seiner Dankesrede, die John Neumeier vor Prinzessin Takamado und mehr als tausend Gästen aus Wirtschaft, Kultur und Politik in englischer Sprache hielt, ging er auch auf seine Beziehung zu Japan ein: „Es ist von besonderer Bedeutung für mich, dass mir diese renommierte Ehrung in Japan zuteil wird, einem Land, das mich durch seine Poesie und das Geheimnis seiner erhabenen Kultur schon lange fasziniert.“

John Neumeier erinnerte auch an das erste Gastspiel des Hamburg Ballett 1986 in Japan. Nach einer der ersten Vorstellungen war er eingeladen, das Publikum zu begrüßen – und stand auf dem Podium zwischen der deutschen und der japanischen Flagge, den Flaggen der beiden größten Feinde seines Landes während seiner Kindheit. „Ich, ein Amerikaner, überbrachte nun durch meine Arbeit, meine Choreografie und meine Gruppe internationaler Künstler eine kulturelle Botschaft von Frieden und Versöhnung.“

Am 5. März 2016 findet im Aalto Theater zum 34. Mal die Verleihung der Deutschen Tanzpreise statt. Im nächsten Jahr wird es mit insgesamt sechs Ausgezeichneten die höchste Zahl an Preisträgern geben. Den Hauptpreis erhält der Ballettpädagoge und Ballettmeister Prof. Martin Puttke. Aufgrund seiner fast 40-jährigen praktischen Erfahrung entwickelte er ein neues Lehrkonzept für den Klassischen Tanz: DANAMOS – DanceArt-MasterSystem. Mit dem Tanzpreis >ZUKUNFT< in der Kategorie „Choreografie“ wird Andrey Kaydanovskiy geehrt. Der gebürtige Moskauer ist als Halbsolist beim Wiener Staatsballett engagiert, seit 2009 macht auch als Choreograf von sich reden, er kreierte das abendfüllende Märchenballett „Das hässliche Entlein“ für die Wiener Volksoper und 2013 „Zeitverschwendung“ als erste Arbeit für das Wiener Staatsopernballett. In der Kategorie „Tanz“ wird Marcos Menha 2016 mit dem Tanzpreis >ZUKUNFT< ausgezeichnet. Seit 2003 war er Mitglied des neu formierten Balletts des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, mit Beginn der Spielzeit 2011/12 wechselte Menha zu Martin Schläpfers Ballett am Rhein, Düsseldorf/Duisburg. Der Anerkennungspreis würdigt 2016 die Entwicklung auf dem Gebiet der Tanzmedizin. Drei Ärztinnen, Gründungsmitglieder von tamed e.V., leisteten Pionierarbeit: Dr. med. Elisabeth Exner-Grave, Leiterin des Kompetenzzentrums Tanzmedizin „medicos.Auf Schalke“; Dr. med. Liane Simmel, Leiterin des Instituts „TanzMedizin Fit for Dance“; Priv.-Doz. Dr. Dr. med. Eileen M. Wanke, Leiterin der Abteilung Tanzmedizin an der Charité, Berlin sowie der Abteilung Künstlermedizin im Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Goethe-Universität, Frankfurt/Main.

Der israelische Choreograf Hofesh Shechter mit Wahlheimat London ist gelernter Schlagzeuger, ehemaliger Tänzer der Batsheva Dance Company, Komponist und ein Star der britischen Tanzszene. In „Sun“ begibt er sich mit seinem 16-köpfigen, hochkarätigen Ensemble auf die Suche nach Glück in einer fortschrittlichen und zugleich von Katastrophen geschüttelten und kriegerischen Welt. Kampnagel, 10.-12.3.2016, 20 Uhr, 32/24/12 Euro, Tel. 27 09 49 49.

Am Abend des 16. November wurde in der Staatsoper zum ersten Mal die gefilmte Version vom „Weihnachtsoratorium I-VI“ vor einem Publikum gezeigt. John Neumeier eröffnete die Vorführung mit den Worten, ein solches Projekt brauche „Vertrauen, Geduld und Geld.“ Voll des Lobes war der Choreograf für den Regisseur Thomas Grimm. Besonders beeindruckend sind die Nahaufnahmen der Tänzer, die vielen strahlenden Gesichter, die man sonst nie so differenziert sehen kann.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Letzte Aktualisierung: 04.02.16, [ddd]