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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom Juli 2021

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

es mutet fast wie ein Wunder an, dass die Ballett-Tage – wenn auch in kleinerer Form – nun doch stattfinden konnten. Jede Aufführung erschien wie ein besonderes Geschenk. Natürlich fehlte das volle Haus, das besondere Knistern vor jeder Vorstellung. Alles verlief gedämpfter, nachdenklicher. Ich glaube, wir haben große Dankbarkeit im Herzen und freuen uns mit den Tänzerinnen und Tänzern, dass das Erlebnis Tanz wieder stattfinden konnte.

Nach der Begeisterung über eine großartige Gala möchte man gleich weitermachen und an ein Programm für den Herbst denken. Leider holt uns die Wirklichkeit immer wieder ein, und wir müssen feststellen, dass wir im Moment keine Möglichkeit sehen, Pläne für den Herbst aufzustellen. Die Pandemie hat uns trotz Lockerung noch immer fest im Griff. Wir hoffen sehr, dass wenigstens Frau Fischer ihre Abende ab September fortsetzen kann, darüber informieren wir Sie rechtzeitig.

Da wir pandemiebedingt keine Mitgliederversammlung abhalten konnten, erreicht Sie mit diesem Rundschreiben mein Tätigkeitsbericht für 2019, den ich Ihnen normalerweise auf der Mitgliederversammlung 2020 vorgetragen hätte. Herr Rüter und Frau Dr. Regerbis informieren Sie in diesem Rundschreiben über die Vergabe von Stipendien und die finanzielle Unterstützung der Ballettschule des Hamburg Ballett – John Neumeier.

Zu meinem großen Bedauern verabschiedet sich Frau Ulrike Schmidt, die Betriebsdirektorin des Hamburg Ballett, mit Ende dieser Spielzeit in die Rente. Sie war immer hilfreich, wenn unser Verein Wünsche hatte. Sie wird nun im Vorstand der Opernstiftung tätig sein, so dass sie auch weiterhin dem Geschehen an der Hamburgischen Staatsoper verbunden sein wird. Ich persönlich wünsche ihr von ganzem Herzen Freude an der neuen Arbeit.

Wir bitten auch für die Zukunft an die Ballettschule des Hamburg Ballett zu denken, die sehr auf unsere Spenden angewiesen ist. Die Kontoverbindung lautet:

Ballettfreunde Hamburg e. V., Verwendungszweck: Erika-Milee-Stipendium,

IBAN: DE49 2003 0000 0020 5522 79, BIC: HYVEDEMM 300

Ich bedanke mich schon im Voraus für Ihr Wohlwollen.

Es hat mich sehr gefreut, nach dieser langen Zeit der Abwesenheit einige unserer Mitglieder während der Ballett-Tage in der Staatsoper getroffen zu haben.

Im Namen des Vorstands wünsche ich Ihnen erholsame Sommertage und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihre Marjetta Schmitz-Esser

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Tätigkeitsbericht 2019

Verspäteter Tätigkeitsbericht von Frau Marjetta Schmitz-Esser, Erste Vorsitzende, da aufgrund der Corona-Pandemie im Jahr 2020 keine Mitgliederversammlung stattfinden konnte.

Am Montag, dem 28. Februar 2019, fand unsere jährliche Mitgliederversammlung im Baseler Hof statt. Unsere langjährige Mitarbeiterin Frau Renate Dreher hat sich zu unserem größten Bedauern von ihrer Mitarbeit im Verein zurückgezogen. Dies bedeutete einen sehr großen Verlust. Ihre Arbeit ist aufgeteilt worden: Frau Regina Fürst übernimmt die Buchhaltung ab 1.1.2019, Frau Dagmar Ellen Fischer übernimmt die Mitgliederbetreuung ab 1.1.2019.

Der Kassenwart Herr Dr. Klaus Böttcher verlässt leider auch den Vorstand. Herr Udo Rüter, allen schon als früheres Vorstandsmitglied bekannt, übernimmt den Vorstandsposten und die Funktion des Kassenwarts von Herrn Dr. Böttcher. Herr Dr. Bernd Löwer übernimmt die komplizierte Aufgabe des Kartenservices.

Am 24. Februar 2019 war ich zur Gala anlässlich des 80. Geburtstags von John Neumeier in die Hamburgische Staatsoper eingeladen. Am 25. Februar 2019 fand die sehr persönlich gehaltene Ehrung für John Neumeier in der Ballettschule des Hamburg Ballett statt. Zu beiden Veranstaltungen war ich als Erste Vorsitzende des Vereins eingeladen.

Vom 7. bis 11. Mai 2019 fand unsere besonders gelungene Ballettreise nach Tallinn unter der erprobten Organisation von Frau Ulrike Jessenberger statt. In unserem Rundschreiben aus Juli 2019 steht ein ausführlicher Bericht über diese Reise.

Am 13. Juni 2019 war der Verein zur Bühnenprobe von „Shakespeare – Sonette“ in die Hamburgische Staatsoper eingeladen; die Choreografie gestalteten Edvin Revazov aus der Ukraine und die beiden Spanier Marc Jubete und Aleix Martínez.

Am 25. November 2019 wurde im Ballettzentrum – John Neumeier das neue Buch von Dagmar Ellen Fischer „Eine kurze Geschichte des Tanzes“ vorgestellt.

Am 29. November 2019 war der Verein zur Hauptprobe des neuen Balletts „Die Glasmenagerie“ von John Neumeier in die Hamburgische Staatsoper eingeladen.

Am 6. Dezember 2019 fand wie jedes Jahr die Nikolausfeier der Ballettschule im Ballettzentrum – John Neumeier statt. Wie immer erfreuten uns die Schülerinnen und Schüler mit einem umfangreichen Tanzprogramm.

Am 11. Dezember 2019 beschlossen wir das Vereinsjahr mit dem traditionellen Punschabend im Hotel Baser Hof. Im Laufe des Jahres 2019 fanden im regelmäßigen Turnus (mit Ausnahme der Sommerpause) zwei Mal monatlich Vorträge von Frau Dagmar Ellen Fischer zu Themen aus der Ballettwelt im Baseler Hof statt. Diese Treffen im Baseler Hof sind ein wichtiger Bestandteil unseres Vereinslebens.

Der Verein hat zu danken: Unser Dank kann nicht groß genug sein für die langjährige Arbeit von Frau Renate Dreher. Sie leistete aufs Sorgfältigste und Zuverlässigste unentbehrliche Dienste in der Verwaltung unseres Vereins, insbesondere bei der Buchhaltung.

Wir danken den beiden Kassenprüferinnen, Frau Monika Schütt und Frau Sigrid Dahlhaus, für das sorgfältige Prüfen der Unterlagen. Dank gebührt auch Herrn Delf Dietmar Danckwerts für die Betreuung unserer Website.

Last but not least gilt mein Dank meinen Kollegen im Vorstand, Frau Dr. Edith Regerbis, Herrn Dr. Klaus Böttcher sowie Herrn Udo Rüter, für ihre hervorragende Unterstützung und ausgezeichnete Zusammenarbeit.

[Marjetta Schmitz-Esser]

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Vergabe von Stipendien und Unterstützung für das Ballettzentrum – John Neumeier in der Spielzeit 2021/2022

Wie schon im vergangenen Jahr können wir leider auch in diesem Jahr noch keine ordentliche Mitgliederversammlung anberaumen. Aufgrund des aktuellen Verlaufs der Pandemie können wir, wie schon im Rundschreiben vom August 2020 mitgeteilt, die Mitgliederversammlungen vereinsrechtlich im Jahr 2022 nachholen. Satzungsgemäß und auch steuerlich gegenüber dem Finanzamt muss der Verein jedoch zur Erfüllung seines gemeinnützigen Zwecks über das Vermögen mit Ausnahme eines Sockelbetrags von 30.000 Euro verfügen, abgesehen davon, dass die Ballettschule, die SchülerInnen u. a. das Geld auch in Corona-Zeiten brauchen.

[Udo Rüter, Dr. Edith Regerbis]

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Uraufführung von John Neumeiers „Beethoven-Projekt II“ am 29. Mai 2021

Mit geradezu jugendlich-zielstrebigem Gang betritt John Neumeier die Bühne der Hamburgischen Staatsoper. Nach sieben Monaten Zwangspause scheint es ihm ein Bedürfnis zu sein, das Publikum persönlich zu begrüßen. Auch wenn nicht sichtbar, sei das Hamburg Ballett in jüngster Vergangenheit „immer in Bewegung geblieben“, so der Ballettchef, nur habe es niemanden bewegen können – und dann bricht seine Stimme vor innerer Bewegtheit.

Am 29. Mai feierte das Ensemble die Rückkehr zum Live-Tanz mit der Uraufführung von „Beethoven-Projekt II“. Mehrmals verschoben, ist dieser Abend die realisierbare Alternative zur – vor Ausbruch der Pandemie – ursprünglich geplanten Neumeier-Choreografie zu Beethovens Neunter Sinfonie, die unter den geltenden Beschränkungen nicht umsetzbar gewesen wäre. Für diese nachträgliche Würdigung zum 250. Geburtstag Beethovens (im Dezember 2020) wählte der Choreograf sehr unterschiedliche Musik des Komponisten. Zum zweiten Mal arbeitete er eng mit Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano zusammen.

Mit „Hausmusik“ und „Tanz!“ ist der zweigeteilte Abend überschrieben. Allein die erste Hälfte besteht aus drei unterschiedlichen, musikalisch gegliederten Abschnitten. Die Eröffnung übernimmt die Sonate für Klavier und Violine Nr. 7 c-Moll op. 30 Nr. 2. Der Erste Solist Aleix Martínez, der schon 2018 im „Beethoven-Projekt“ den Komponisten verkörperte, dominiert als sich wie verzaubert zwischen den Live-Musikern (Pianistin Mari Kodama und Anton Barachovsky, Violine) bewegender junger Mann. Doch schon bald scheint er verwirrt und isoliert, eine Konfrontation mit seinem Alter Ego (Jacopo Bellussi) verspricht Halt zu geben. Im Pas de deux mit einer inspirierenden Muse (Hélène Bouchet) eröffnen sich neue Perspektiven. Sich seiner Sehnsucht zu überlassen, erlaubt er sich indes nicht: Die verlangend ausgestreckte Geste eines Arms wird unmittelbar wie unter Zensur zurückgezogen.

Als sich der Vorhang hebt, der den hinteren Bühnenraum verdeckt hielt, gibt er den Blick frei auf das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und ein riesiges ornamentales Bühnenbild (Heinrich Tröger) im Hintergrund. Zum ersten Satz aus Beethovens einzigem Oratorium „Christus am Ölberge“ op. 85 vollziehen sich gravierende Änderungen im Leben des Musikers: Seine fortschreitende Schwerhörigkeit schließt ihn zunehmend vom gesellschaftlichen Leben aus, sein selbstgewählter Rückzug tut ein Übriges; hinter dem Orchester erklimmt er ein Podest, auf dem ein Flügel und sein Alter Ego auf ihn warten. Den folgenden melancholischen Pas de deux begleitet Tenor Klaus Florian Vogt, der von Christus’ Angst vor den ihm drohenden Leiden singt – eine Parallele zu Beethovens Angst vor der Taubheit. Zur Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53 trifft Martínez/Beethoven erneut auf seine Inspiration, er traut jedoch seiner Wahrnehmung nicht, wie er durch Bewegung erzählt. Umarmungsversuche laufen ins Leere.

Nach der Pause erklingt dann die populäre und sehr rhythmische Siebte Sinfonie Beethovens. John Neumeiers Choreografie steigert sich während der vier Sätze zu einem rauschenden Fest voller Übermut und Lebensfreude. Solisten und Ensemble tanzen – jetzt in weißen und schwarzen Kostümen sowie in solchen der drei Grundfarben (Albert Kriemler) – mit überbordender Kraft. Die Tänzer strahlen – aber nicht etwa, weil es zum tänzerischen Ausdruck gehört, sondern weil sie vor Tanzlust nur so sprühen. Den Höhepunkt bilden die Ersten Solisten Madoka Sugai und Alexandr Trusch, von ihnen springt der Funke leicht in den Zuschauerraum über. Der personifizierte Beethoven hingegen bleibt ein Fremdling, doch immerhin mischt er sich im Finale lächelnd unter die folkloristischen Formationen und genießt als Beobachter die ausgelassene Fröhlichkeit. Im Schlussbild schwebt er waagerecht auf den ausgestreckten Armen seines Alter Egos, das sich endlos um sich selbst dreht.

Die akustische Vielfalt von Kammermusik, Oratorium, Klaviersolo und Sinfonie schickt das Publikum durch ein breites Spektrum an Emotionen. John Neumeier zieht eine kongeniale tänzerische Ebene in die Partituren ein.

[Dagmar Ellen Fischer]

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46. Hamburger Ballett-Tage im Juni 2021

Wenn man so will, hatte die Pandemie sogar die Kraft, die Zeit anzuhalten: In diesem Sommer hätten eigentlich die 47. Hamburger Ballett-Tage stattfinden sollen. Doch aufgrund des kompletten Ausfalls im vergangenen Jahr waren nun 2021 erst die 46. zu erleben, gemäß korrekter Zählung. Entsprechend groß war die Freude bei John Neumeier und dem Hamburg Ballett, nach Monaten der Zwangspause wieder vor Publikum auftreten zu können.

Zur Eröffnung des zweiwöchigen Festivals stand „Hamlet 21“ auf dem Programm. Auch hier die korrekte Zählung: John Neumeier näherte sich damit zum sechsten Mal dieser Thematik. Dabei beruft er sich nicht allein auf die Dramen-Vorlage von William Shakespeare, sondern auch auf die Quellen des dänischen Geistlichen und Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus aus dem Hochmittelalter.

Für seinen jüngsten Zugriff wählte der Choreograf eine neue Rahmenhandlung: Die Geschichte beginnt mit dem jungen Hamlet im Klassenzimmer, der als Schüler von Polonius unterrichtet wird. Schon bald dominiert auf akustischer Ebene ein Kampf von Musik versus Latein. Hierzu ein Zitat, das ich im Rahmen meiner Beschäftigung fand und Ihnen nicht vorenthalten möchte: „Während man heutzutage vor allem ins Theater geht, um ein Stück zu sehen — ein deutlicher Akzent also auf dem visuellen Kommunikationskanal der Theateraufführung liegt -, beschrieb man das Theatererlebnis in der englischen frühen Neuzeit vor allem in akustischen Begriffen, so wie Hamlet dies tut, wenn er sagt: ‚We’ll hear a play tomorrow’. Die frühneuzeitliche Dominanz des Akustischen ist den vergleichsweise beschränkten Möglichkeiten hinsichtlich des Bühnenbildes, der Ausstattung und Beleuchtung des elisabethanischen Theaters geschuldet und führte zu der Praxis, fehlende visuelle Impulse durch Worte, die sogenannte Wortkulisse, zu ersetzen. Die materielle Dimension von Sprache — das Klingen oder gar Verstummen — spielt eine wichtige Rolle im Hamlet, denn neben vielen anderen Themen befasst sich das Drama auch mit den Grenzen der Sprache.“ (Quelle: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-476-00516-8?page=1)

Auch Neumeier setzt in „Hamlet 21“ hin und wieder sowohl auf gesprochene als auch auf (eine Schultafel) geschriebene Worte. Kompositionen von Michael Tippett (1905-1998) wählte der Choreograf als musikalische Begleitung seiner aktuellen Annäherung, die als Ergebnis einer 45-jährigen Beschäftigung mit dem komplexen Stoff gelten kann.

In diesem Werk bekommt auch die Vorgeschichte zum Grundkonflikt einen Raum: Hamlets Mutter Geruth wird nach dem Krieg zwischen Dänen und Norwegern mit dem siegreichen Horvendel vermählt, fühlt sich aber deutlich mehr zu dessen Bruder Fenge hingezogen. Diesen frühen Verrat an seinem Vater und schließlich den Mord an ihm rächt sein Sohn Hamlet. In der Titelrolle glänzte Alexandr Trusch, der kurzfristig für den erkrankten Edvin Revazov einsprang.

Gleich am folgenden Abend konnte das Publikum die Filmvorführung des Balletts „Ein Sommernachtstraum“ in der Staatsoper erleben. John Neumeier gestand in seiner kurzen Einführung, dass er „jedes Ballett im Anfangsstadium als Film“ sehe. Schon 1977, im Jahr der Uraufführung, gab es konkrete Pläne, dieses Werk zu filmen. Tatsächlich wurde diese Idee nun im Februar 2021 realisiert: mit sieben Kameras, Szene für Szene, in drei Tagen unter der bewährten Regie von Myriam Hoyer. Lange Zeit habe die Frage nach der Besetzung im Raum gestanden. „Die beste Besetzung“ sei nun zu sehen, so Neumeier.

Das Besondere des Filmerlebnisses sind die Nahaufnahmen: Wenn Hermia (Madoka Sugai) Lysanders (Jacopo Bellussi) Liebesbrief in ihren Händen hält, schaut die Kamera ihr unvermittelt über die Schulter – auf diese Weise kann das Publikum die kleinen gemalten Herzchen auf dem Blatt sehen. Aber auch die Schadenfreude in Pucks (Alexandr Trusch) und die Verblüffung in Zettels (Marc Jubete) Gesicht bereichern als Zoom-Momente die jeweilige Szene. Interessant ist ebenfalls ein Perspektivwechsel: Während im Vordergrund der Bühne Titania (Anna Laudere) und Oberon (Edvin Revazov) mit- und gegeneinander kämpfen, zieht im Hintergrund die siebenköpfige Handwerker-Truppe vorbei; doch plötzlich wird die Fortsetzung jener Szene aus der Kameraperspektive im Bühnenhintergrund gezeigt, somit rücken die Handwerker unerwartet zum Greifen nah in den Fokus; eine neue Sicht, die aus dem Zuschauerraum gar nicht möglich wäre. Und die Mimik der kurzsichtigen Helena (Hélène Bouchet) und des eitlen Demetrius’ (Karen Azatyan) sind allemal aus kurzer Entfernung sehenswert. Zum Ende lässt Puck die Rose fallen, mit der er so viel Unheil anrichten konnte – auch das eine passende und poetische Nahaufnahme als Schlussbild.

Wenn die Auswirkungen der Pandemie ein Gutes hatten, dann dies: Kurzfristig waren noch Karten für beide Aufführungen der Nijinsky-Gala erhältlich, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte zwei Mal am selben Tag gezeigt wurde: um 14 Uhr und um 19 Uhr! Ausnahmsweise hatte sie 2021 kein Thema, sondern war mit „Celebration“ überschrieben. „Wir feiern unser Wiedersehen“, erläuterte John Neumeier zur Begrüßung. Das Programm entstand unter Berücksichtigung bestimmter Prämissen: kein Orchester, nur Kammermusik live und ansonsten eingespielte Aufnahmen. Ferner konnten nur wenige Gasttänzer eingeladen werden, da Beschränkungen eine langfristige Reiseplanung unmöglich machten. Tatsächlich traten drei Solisten vom Königlich Dänischen Ballett aus Kopenhagen auf und Alina Cojocaru; die Starballerina, häufiger Gast in Hamburg, absolvierte an jenem Abend die erste Vorstellung nach der Geburt ihres zweiten Kindes, wie Neumeier kommentierte.

Die Eröffnung übernahm, seit seiner Gründung traditionsgemäß, das Bundesjugendballett mit der Choreografie „Einsame Verbundenheit“ von Raymond Hilbert, begleitet vom ersten Satz aus Franz Schuberts Streichquartett in c-Moll. Das Bühnenbild besteht aus drei fahrbaren Türen samt Rahmen, und John Neumeier kündigte den Auftakt wie folgt an: „In diesem Ballett gehen Türen auf. Möge das ein Omen sein!“ Isabella Vértes-Schütter rezitierte eine Textpassage aus Paolo Giordanos Roman „In Zeiten der Ansteckung“, der Erfahrungen in der Pandemie beschreibt.

Aus seinen „Balletten für Stimme und Klavier“ präsentierten Silvia Azzoni und Alexandre Riabko einen Pas de deux aus „Nocturnes“ zu Chopin-Musik: eine komplexe Beziehung, in der ein Mann mit Buch und Brille auf eine sinnliche Frau trifft – das Paar brillierte in dieser anspruchsvollen Choreografie, treibt auseinander, findet zusammen und scheut sich nicht vor dem finalen Konflikt. Aleix Martínez stellte sich in einem Ausschnitt aus „Beethoven-Projekt II“, dem Scherzo, bestens auf seine neue Partnerin ein: Ida Praetorius aus Kopenhagen. Zwei weitere Gäste des Königlich Dänischen Balletts – Astrid Elbo und Ryan Tomash – gewannen dem Liebes-Pas de deux aus „Othello“ neue Nuancen ab. In die Reihe der Duette gehörte der von Edvin Revazov und Anna Laudere getanzte Ausschnitt aus „Ghost Light“ ebenso wie die intime Begegnung zwischen Jacopo Bellussi und Alessandro Frola – für diese beiden hatte John Neumeier „Peter und Igor“ choreografiert, zu Musik des Letztgenannten, das als Uraufführung die Gala bereicherte; Inspiration waren zwei Sätze aus Strawinskys Divertimento für Klavier und Violine, in dem er Tschaikowsky zitiert.

„Im Andenken an Colleen Scott“ war der Beitrag aus John Neumeiers „Wendung“ untertitelt. Mit Hélène Bouchet im Mittelpunkt tanzten Mitglieder des Hamburg Ballett für eine ehemalige Kollegin, die im Mai dieses Jahres unerwartet verstarb. Zwanzig Spielzeiten hatte die Partnerin von Ivan Liška die Company mitgeprägt, nun erinnerte der Choreograf mit würdigenden Worten an seine Erste Solistin. Isabella Vértes-Schütter sprach das unter die Haut gehende Gedicht „Todes-Erfahrung“ von Rainer Maria Rilke, das er 1907 verfasste und mit den Worten endet „... so dass wir eine Weile hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.“

Ein großer Anteil nach der Pause gehörte einem längeren Ausschnitt aus „Die Glasmenagerie“. Alina Cojocaru überzeugte einmal mehr als berührende Interpretin jener tragischen, zentralen Figur der Laura und wurde somit virtuoser Mittelpunkt des Dramas nach Tennessee Williams. Diese Rolle des Autors übernahm in dieser Szene Ryan Tomash, Gast aus Dänemark.

George Gershwin und sein unsterblicher Musical-Song „I Got Rhythm“ sorgte für ein Highlight im besten Sinn: Madoka Sugai und Alexandr Trusch leuchteten zu dieser fröhlichen und vitalen Musik. Das Publikum genoss diesen kurzen Ausflug in überbordende Lebensfreude, nahm aber die gesamte Gala in ihrer Ausnahme-Situation durchaus bewusst wahr: Besondere Zeiten brauchen eben besondere Bedingungen.

Im Finale verabschiedete sich das Ensemble des Hamburg Ballett mit einem repräsentativen Ausschnitt aus „Ghost Light“, live begleitet vom Pianisten Michal Bialk.

Nach der knapp dreistündigen Werkschau des Choreografen John Neumeier entließ die diesjährige Nijinsky-Gala ein begeistertes Publikum in die Sommerpause.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Rückschau: Zum Tod von Colleen Scott, Carla Fracci, Ismael Ivo und Anna Halprin

Colleen Scott

wurde 1945 im südafrikanischen Durban geboren und begann dort ihre Tanzausbildung. Nach einem Engagement in Johannesburg absolvierte sie weitere Studienjahre an der Londoner Royal Ballet School. Ab 1967 tanzte sie im Ballett der Deutschen Oper am Rhein unter Erich Walter. Hier lernte sie ihren zukünftigen Ehemann Ivan Liška kennen. 1974 wechselte sie zum Bayerischen Staatsballett nach München, seit 1977 gehörte sie zum Hamburg Ballett. John Neumeier kreierte für sie u. a. Dulcinea in „Don Quixote“, Ginevra in der „Artus-Sage“ und Celia in „Wie es euch gefällt“. Sie interpretierte klassische Hauptrollen in „Schwanensee“ und „Dornröschen“, überzeugte aber auch als ausdrucksstarke Tänzerin in Werken von John Cranko („Onegin“, „Der Widerspenstigen Zähmung“) und Neumeier („Die Kameliendame“, „Ein Sommernachtstraum“, „Endstation Sehnsucht“). Als Ivan Liška 1996 die Direktion des Bayerischen Staatsballetts übernahm, arbeitete sie dort für weitere zwanzig Jahre als Ballettmeisterin und Coach. In den vergangenen Jahren gab sie ihre Erfahrung an das Bayerische Junior Ballett in München weiter, u. a. auch bei der Einstudierung von Gerhard Bohners „Triadischem Ballett“, in dem sie 1977 mitgewirkt hatte. Colleen Scott verstarb am 9. Mai 2021 unerwartet nach einem Unfall.

Carla Fracci

war eine Primaballerina Assoluta, die größte Ballerina ihrer Zeit, wie die New York Times sie nannte. 1936 kam sie in Mailand zur Welt, sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Ihre Ausbildung begann an der Ballettschule der Mailänder Scala, und dort wurde sie später im Alter von nur 22 Jahren zur Primaballerina ernannt. „Giselle“ war die Rolle ihres Lebens, zu ihren Bühnenpartnern gehörten u. a. Rudolf Nurejew und Erik Bruhn, doch trat sie auch in Fernsehshows und als Schauspielerin auf. Sie heiratete den Regisseur Beppe Menegatti und kehrte nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes auf die Bühne zurück. Als Direktorin des Balletts Neapel und als Ballettchefin in Verona setzte sie nach der aktiven Laufbahn ihre Karriere fort. Im Alter von 84 Jahren verstarb Carla Fracci am 27. Mai 2021 in Mailand.

Ismael Ivo

verstarb am 8. April 2021 in seiner Heimatstadt São Paulo. Dort kam er 1955 zur Welt und konnte dank verschiedener Stipendien seine Ausbildung an mehreren Ballettschulen absolvieren. Zunächst schloss er sich dem experimentellen Tanzensemble des Theatro Municipal in Sao Paulo an, ab 1983 tanzte er im Alvin Ailey American Dance Theater in New York. Zwei Jahre später ließ er sich in Europa nieder, wo er u. a. mit Johann Kresnik, George Tabori, Heiner Müller, Marcia Haydée und Yoshi Oida arbeitete. In den 1980er Jahren gehörte er zu den Gründern des Wiener Tanzfestivals „ImPulsTanz“. Ab 1987 war das Theaterhaus Stuttgart für zwanzig Jahre seine künstlerische Heimat. Nach Leitungspositionen am Deutschen Nationaltheater Weimar und für die Sektion Tanz der Biennale Venedig kehrte er 2017 nach Brasilien zurück. Nach zwei Schlaganfällen erlag Ismael Ivo einer Covid-19-Infektion.

Anna Halprin

war eine US-amerikanische Tänzerin, Choreografin und Pädagogin, die ebenfalls Wegbereiterin der Tanztherapie wurde. 1920 geboren, entwickelte sie im gesellschaftlichen Aufbruch der 1960er und 70er Jahre in Kalifornien Rituale für tanzende Gruppen, in denen persönliche Selbstheilungskräfte mobilisiert werden sollten. Als eine der Ersten propagierte sie Tanz unter freiem Himmel, und in ihrem „Dancer's Workshop" legte sie den Grundstein für die Tänzer-Generation, die später als „Judson Dance Theater“ von sich reden machte. 2017 nahm sie noch an der „dokumenta“ teil. Anna Halprin verstarb am 24. Mai im Alter von 100 Jahren.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Kurznachrichten

Der Dachverband Tanz Deutschland gab in einer Pressemitteilung die diesjährigen Preisträger des Deutschen Tanzpreises bekannt: Heide-Marie Härtel wird für ihr jahrzehntelanges Engagement in der Dokumentation und Archivierung von Tanzinszenierungen ausgezeichnet; sie erhält den mit 20.000 Euro dotierten Hauptpreis. Zudem vergibt die Jury drei Ehrungen, jeweils dotiert mit 5.000 Euro: an Adil Laraki, nordrhein-westfälischer Landesverbands-vorsitzender bei der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger und Beisitzer am Bühnenschiedsgericht, für sein kulturpolitisches Engagement; an die Ballettpädagogin Ursula Borrmann, Entwicklerin der Borrmann-Methodik, einem Ausbildungskonzept, nach dem heute viele Ballettschulen arbeiten; und an die Choreografin und Tänzerin Claire Cunningham, eine multidisziplinäre Künstlerin mit Behinderung, die für ihre herausragende künstlerische Entwicklung im Tanz geehrt wird.

Die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa teilte im Juni mit, dass der Choreograf Christian Spuck das Staatsballett Berlin als neuer Intendant ab der Spielzeit 2023/24 übernehmen wird. Zurzeit noch als Leiter des Balletts Zürich tätig, folgt Spuck auf das Intendanz-Duo Johannes Öhman und Sasha Waltz, die beide schon 2020 vorzeitig die Verantwortung abgaben. Seither ist die Leitung von Deutschlands größter Ballettkompanie kommissarisch besetzt mit der Ballett-Dramaturgin, Betriebsdirektorin und langjährigen Stellvertretenden Intendantin Christiane Theobald. Spuck wird dem Staatsballett Berlin schon in der Spielzeit 2022/23 künstlerisch beratend zur Seite stehen.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer wurde bei dieser Entscheidung beraten von Janine Dijkmejer, Künstlerische Leiterin der The New Zealand Dance Company, Tanzjournalistin Dorion Weickmann, Ted Brandsen, Künstlerischer Leiter des Dutch National Ballet, und dem ehemaligen Direktor des Bayerischen Staatsballetts Ivan Liška.

Das Bundesjugendballett tritt in nächster Zeit bei folgenden Gelegenheiten auf:

Bergedorfer Musiktage, 24./25.7., 18 u. 20.30 Uhr, Theater Haus im Park, Gräpelweg 8, 21029 Hamburg-Bergedorf.

Festival „Young Euro Classic“, 31.7., 20 Uhr, Konzerthaus Berlin, Gendarmenmarkt, 10117 Berlin.

Ernst Deutsch Theater mit der Wiederaufnahme von „Ein kleiner Prinz“, 6./7.8., 19:30 Uhr, 8.8., 15:30 u. 19:30 Uhr, Friedrich-Schütter-Platz 1, 22087 Hamburg.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Weitere aktuelle Veranstaltungshinweise

Archiv mit Rundschreiben (gekürzte Fassungen!)

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Letzte Aktualisierung: 12.08.21, [ddd]