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Gekürzte Fassung des Rundschreibens vom Dezember 2018

Themenübersicht


Liebe Ballettfreunde,

unsere geplante Ballettreise nach Tallinn vom 7. bis 11. Mai 2019 wird stattfinden. Wir haben schon zahlreiche Anmeldungen von den Mitgliedern, die unsere Post per E-Mail erhalten. Es wäre schön, wenn noch einige Teilnehmer sich unserer Reise anschließen würden. Auch Gäste sind willkommen. Alles Nähere finden Sie in unserer Beilage in diesem Rundschreiben.

Bis dahin läuft ja noch unser vorweihnachtliches Programm. Zunächst möchte ich die Hauptprobe zu „Brahms/Balanchine“ erwähnen. Es war eine ganz besondere Probe, da das Ballett „Liebeslieder Walzer“ ganz selten nur mehr aufgeführt wird und wir auf diese Weise eine besondere Rarität des weltberühmten Choreografen George Balanchine zu sehen bekommen haben. Es fühlt sich an wie ein Eintauchen in eine andere Zeit der Ballettgeschichte. Für die Tänzerinnen und Tänzer ist es eine wahre Freude, nach dieser Musik zu tanzen und ihre Kunst zu zeigen. Es macht einfach Spaß. Auch der zweite Teil „Brahms-Schönberg-Quartet“ ist ein spritziges Feuerwerk der Tanzkunst.

Wie jedes Jahr feierten wir Nikolaus in der Ballettschule. Die Lehrer bereiteten mit den Schülern ein buntes vielseitiges Programm vor. Dieses Mal wurden uns auch Ausschnitte aus Balletten gezeigt, die wir nicht so oft zu sehen bekommen, wie z. B. „Fairy Doll“ (Puppenfee), Musik von Joseph Bayer, Choreografie Nikolai und Sergei Legat. Besonders bezaubernd war die Darstellerin der Puppe, Vania Argiolas. Aber auch die beiden Clowns Louis Musin und Alexa Zicic begeisterten. Ausschnitte aus „Das Erwachen der Flora“, Musik Riccardo Drigo, Choreografie Marius Petipa, sieht man bei uns im Westen so gut wie nie.

Auf diesem Wege möchte ich mich im Namen unserer Mitglieder für die große Mühe der Mitarbeiter des Ballettzentrums, die so einen Abend möglich machen, ganz herzlich bedanken. Die Freude, die alle von uns mit nach Hause nehmen, ist wohl unbezahlbar. So möchte ich Sie bitten, wiederum von Herzen zu spenden, um einigen Kindern die Ausbildung in dieser wunderbaren Schule zu ermöglichen. Das Resultat sehen wir ja jedes Jahr aufs Neue.

Zum Abschluss des Jahres hatten wir wieder unseren gemütlichen vorweihnachtlichen Punschabend im Baseler Hof. Traditionell habe ich Weihnachtsgeschichten vorgelesen bei Kerzenlicht, Punsch und Gebäck. Frau Renate Dreher zeigte zum Abschluss eine Fotozusammenstellung unserer letzten Reise nach Straßburg.

Im Namen des Vorstands wünsche ich Ihnen ein besinnliches Weihnachtsfest sowie alles Gute und Gesundheit zum Neuen Jahr.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Marjetta Schmitz-Esser

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Künstlergespräch mit Madoka Sugai und Nicolas Gläsmann

Trotz des miserablen Wetters an jenem Abend fanden viele Ballettfreunde am 29. November 2018 den Weg in die Caspar-Voght-Straße. Marjetta Schmitz-Esser führte das Gespräch mit Madoka Sugai in Englisch und übersetzte deren Antworten, mit Nicolas Gläsmann unterhielt sie sich auf Deutsch.

Zu ihrer familiären Herkunft und der Ausbildung in Japan befragt, erzählte die Solistin, dass sie durch ihre ältere Schwester zum Ballett kam: Nachdem sie deren ersten Auftritt gesehen hatte, wollte sie unbedingt auch in die Ballettschule – und sie durfte. Nikolas Gläsmann stammt aus Wuppertal und besuchte das Gymnasium in Essen-Werden, das in Tanz ausbildet und Kontakt zur Folkwang Schule und dem Aalto Theater unterhält. Auch er kam über das Vorbild einer älteren Schwester zum Tanz.

Madoka Sugai kam 2012 nach Hamburg. Im selben Jahr hatte sie auch am Prix de Lausanne teilgenommen und einen Preis gewonnen; es war ihre erste Reise nach Europa. In Japan ist der renommierte Wettbewerb sehr bekannt, viele Ballettschüler träumen von einer Teilnahme und bereiten sich langfristig darauf vor. Die Ballettpädagogen wählten aus, welche Schüler daran teilnehmen dürfen – in ihrer Altersstufe war Madoka die einzige, die ausgewählt wurde. In Lausanne wurde sie von Kevin Haigen und Yohan Stegli vom Bundesjugendballett entdeckt, so reiste sie aus der Schweiz direkt nach Hamburg und wurde Mitglied im BJB. Das Leben in Japan unterscheidet sich sehr von dem in Europa, und da sie kaum Englisch sprach, war es zu Beginn für sie schwierig, ihren Alltag zu organisieren: Schon einkaufen zu gehen, stellte sie vor Probleme, da sie die Schrift nicht lesen konnte. Und obwohl die Mentalität der Menschen grundsätzlich sehr unterschiedlich ist, gibt es einige Gemeinsamkeiten: Pünktlichkeit und Genauigkeit schätzt sie hier wie Zuhause. In Hamburg begegneten ihr viele freundliche Menschen, die ihr in der Öffentlichkeit halfen, wenn sie sich beispielsweise im U-Bahn-Netz nicht zurechtfand. 2018 erhielt sie den Wilhelm-Oberdörffer-Preis für ihre Kitri in „Don Quixote“, eine grandiose Leistung. Die Rolle Kitri mochte sie sehr.

Auch die Prudence in der „Kameliendame“ verkörperte sie überzeugend. Doch sei es nicht leicht gewesen, eine Rolle zu übernehmen, die zuvor schon von Generationen getanzt wurde. „Es war schwierig für mich, den Ausdruck zu finden“, gesteht die Tänzerin. „Ich bin eine andere Person, ich muss mich in den Charakteren einfinden und es auf meine Weise ausdrücken, aber es ist ja vorgegeben, was man zeigen muss, man wird korrigiert. Also muss ich mir vorstellen, wie sich diese Person fühlt, nehme die Korrekturen an, aber muss es mit meinen eigenen Gefühlen verarbeiten, mich in eine europäische Seele einfühlen.“

In „Illusionen – wie Schwanensee“ tanzte sie Natalia, eine spezielle Figur, wiederum in einer Geschichte aus der europäischen Vergangenheit. „Mein Partner war Sascha Trush, ich muss ihn als König lieben, alle meine Anstrengungen richten sich auf ihn, ich muss ihn beruhigen und immer schauen, was er gerade braucht. Und ich musste sehr elegant sein – was ich nicht bin!“

John Neumeier erlebt sie als sehr inspirierend, sie kann sich nicht vorstellen, wie er das macht: zahlreiche Ballette zu choreografieren und außerdem seine Werke mit anderen Companien einzustudieren. „Neumeier imaginiert Bewegungen, und es ist beeindruckend zu sehen, wie gut die Tänzer mit seinen Bewegungen aussehen. Er choreografiert und scheint eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie es aussehen soll. Er sieht das Potenzial in jedem und holt das Beste aus jedem Tänzer: mit der Choreografie schaut er in den Tänzer hinein.“

Außer in Werken John Neumeiers tanzte sie in Choreografien von Natalia Horecna und Yuka Oishi. Und demnächst in den beiden Werken von George Balanchine. „Ja, das ist ein ganz anderer Stil, sehr herausfordernd und anspruchsvoll. Es gibt keine Geschichte. Sehr viel Training ist nötig, denn es muss sehr präzise getanzt werden, jede Abweichung wäre sofort sichtbar. Mitarbeiter des Balanchine Trusts studieren die Ballette hier ein. Nach ihren Wünschen befragt, nennt Madoka Sugai „Die Kameliendame“: es ist ihr Lieblingsballett, das sie schon in Japan auf DVD sah und aufgrund dessen sie nach Hamburg zu John Neumeier kam.

Nicolas Gläsmann wechselte aus Essen an die Ballettschule nach Hamburg, wo er sich noch drei Jahre ausbilden ließ. Nach dieser Zeit wurde er Mitglied im Bundesjugendballett, hier hatte er die große Chance, mit vielen verschiedenen Choreografen zu arbeiten, aber auch an unterschiedliche Orte zu gehen. „Dadurch wächst ein Tänzer“, weiß der sympathische junge Mann; die Spanne der Erfahrungen reicht von einem Auftritt in einem beeindruckenden Theater in Venedig bis zur Arbeit mit anstrengenden Kindern in einer allgemeinbildenden Schule.

Eine besondere Erfahrung war die Kooperation mit Gefängnisinsassen. „Sehr beklemmend war es“, so erinnert sich Nicolas Gläsmann, „insbesondere Insassen vor sich zu haben, von denen man nicht weiß, wie sie reagieren werden. Wir fragten uns, dürfen sie überhaupt zeigen, dass sie unser Projekt interessiert? Darf ein Rapper seine weiche Seite zeigen, oder wird er dann gleich von den anderen Insassen runtergemacht?“ Während eines Aufenthalts in einem Jugendgefängnis war es besonders schwierig; „dort gab es merkwürdige Reaktionen, sobald die Mädchen im Rock auf die Bühne kamen – das war unangenehm!“ Auf der anderen Seite dürfen die Mitglieder des BJB auf diese Weise Erfahrungen machen, über die nicht jeder verfügt.

Während der Zeit im BJB mussten die Mitglieder sehr viel selber erledigen, beispielsweise die Kostüme beschaffen – und sei es dadurch dass private Kleidung ausgewählt wird. Nun, in der großen Compagnie, wird für alles gesorgt, das ist ein großer Unterschied.

Nach Vorlieben bezüglich seiner Rollen befragt, antwortete der Tänzer diplomatisch, dass jede Rolle wertvoll sei, weil er sich als Teil eines großen Ganzen erlebe. Sancho Pansa, diese liebevolle Figur zu verkörpern, sei ihm recht leicht gefallen, und nun freue er sich sehr auf die Mitwirkung im „Weihnachtsoratorium“.

Heute coacht er mitunter noch die nachfolgende Generation im BJB. Den blinden Mann, seine Rolle in der Choreografie „In the Blue Garden“ – und seine Lieblingsrolle aus der BJB-Zeit – studiert er mit der aktuellen Besetzung des BJB ein. Die Choreografin Masa Kolar hat er in guter Erinnerung: „Sie ist so modern, bewegt sich in einem ganz anderen Stil, da mussten wir neue Techniken lernen, wie über den Boden rollen.“

John Neumeier ist für ihn der große Erzähler: „Einmalig in der Welt, wie er Literatur in Tanz umsetzt.“ Nach seiner Vorbereitung auf ein Ballett nach literarischer Vorlage befragt, antwortete er, dass er mitunter die Stücke lese, aber auch Filme schaue, wie im Fall von „Anna Karenina“. Wichtiger sei es, bei der Kreation dabei zu sein, wenn John Neumeier das choreografierte Puzzle zusammenfügt, denn dann bekommt man die emotionale Ebene mit, selbst wenn man die Geschichte nicht kennt.

Auch dem Kern der religiös motivierten Werken Neumeiers, wie der „Matthäus Passion“ oder „Requiem“, nähert er sich „als wundervolle Geschichten; viel mehr muss man gar nicht machen, als sich ehrlich damit befassen.

Nach zukünftigen Rollenwünschen gefragt, antwortete Nicolas Gläsmann, dass er in den meisten Neumeier-Werken sehr gern tanzen würde; und in diesem Jahr ist er im „Weihnachtsoratorium“ dabei.

Als Dankeschön für das angenehme und informative Gespräch überreichte Marjetta Schmitz-Esser Madoka eine kleine Fee, Nicolas Gläsmann eine Flasche Rotwein.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Nikolausfeier im Ballettzentrum

Sehr persönlich und warmherzig begrüßte Gigi Hyatt die Ballettfreunde im Ballettzentrum. Seit 42 Jahren ist es Tradition, dass die Ballettfreunde die Ballettschule des Hamburg Ballett – John Neumeier unterstützen, so konnten u. a. in den vergangenem Jahren dank finanzieller Unterstützung beispielsweise Monitore und Software angeschafft werden. Und während die Schulleiterin mit Worten dankte, überreichten die Schülerinnen und Schüler ihren Dank in Form einstudierter Tänze.

Die Stuhlreihen waren gut gefüllt, als das Programm aus zwölf Beiträgen um 18:30 Uhr im großen Petipa-Saal begann. Choreografiert hatten die Pädagogen der Ballettschule unterschiedlichste Etüden für ihre Schützlinge und deren jeweiliges Können: Ann Drower schuf zu Musik von Respighi einen „Reigen“ für 37 der Jüngsten, die zu den „Ancient Dances" in Tuniken tanzten. Elizabeth Loscavios „Mädchentanz“ wurde musikalisch von „Anitras Tanz“ aus Griegs Peer Gynt Suite begleitet. Christian Schön zeigte mit den Jungen aus vier Ausbildungsjahrgängen „Klassische Etüden“ zu Musik von Haydn. Die „Mazurka in D-Dur“ von Chopin hatte Anna Urban mit sechs Mädchen tänzerisch umgesetzt.

Von Anfang an werden die Schüler an Ballette herangeführt: Leslie Hughes hatte „Romanesca Variationen“ aus dem Ballett „Raymonda“ erarbeitet, und zehn Mädchen tanzten auf Spitze „Waltz of the Hours“ aus Delibes’ Ballett „Coppélia“. Die Reihe setzte sich fort mit einem Ausschnitt aus „Napoli“ in der Choreografie von Auguste Bournonville sowie mit dem Pas de Quatre aus „Schwanensee“. „Fairy Doll“, kreiert von Nikolai und Sergei Legat, entpuppte sich als sich als darstellerisch anspruchsvoller Pas de Trois, in dem zwei Harlekine um ein Mädchen werben; wie souverän schon angehende Tänzer mit einem Malheur umgehen können, zeigte sich, als sich das Kostüm des Mädchens in einem Harlekin-Hemd verhakte – mit einem beherzten Handgriff getrennt, konnte der Tanz weitergehen, bevor die Musik davon zu laufen drohte. Den Abschluss bildeten ausgewählte Beispiele aus John Neumeiers „Beethoven Dances“ und als Finale eine Sequenz aus „Das Erwachen der Flora“ in der Choreografie von Marius Petipa.

Bei einigen Schülern ist schon ein Sendungsbewusstsein zu spüren, das darstellende Künstler brauchen, um sich über die Rampe hinweg mitzuteilen, und bei manchem jungen Talent kann man bereits eine ausgeprägte Mimik beobachten.

Nach gut einer Stunde Programm überreichten zwei junge Schüler Marjetta Schmitz-Esser ein sehr geschmackvolles Blumenbouquet, um der Ersten Vorsitzenden auch persönlich für ihr Engagement zu danken.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Premiere „Brahms/Balanchine“

Zur Probe zwei Tage vor der Premiere waren die Ballettfreunde wieder in die Hamburgische Staatsoper eingeladen: Am Freitag, dem 7. Dezember um 17 Uhr, strömten viele Interessierte zum Vorab-Erlebnis von „Brahms/Balanchine“. Es ist das erste Mal, dass diese beiden Choreografien von George Balanchine zu einem Abend kombiniert werden.

Der gebürtige Hamburger Johannes Brahms war es gewohnt, Tanzmusik zu komponieren, schon als Jugendlicher hatte er in Ausflugslokalen seiner Heimatstadt zum Tanz aufgespielt. Diese Qualitäten nutzte George Balanchine in den 1960er Jahren, als er zu dessen Musik choreografierte. Zwei dieser Werke bewältigte nun das Hamburg Ballett in dem Doppel-Abend „Brahms/Balanchine“.

Die „Liebeslieder Walzer“ entführen im ersten Teil in einen Tanzsaal des 19. Jahrhunderts, darin variieren vier Paare den Walzer-Schritt fantasievoll und vielfältig wie ihre Beziehungen untereinander. Erstaunlich, wie überzeugend sich die junge Tänzerin Sara Ezzell – neu im Ensemble seit dieser Spielzeit – neben den erfahrenen Solisten behauptete. Vier Stimmen und vier Hände am Klavier begleiteten die illustre Gesellschaft live; die Frauen tauschten ihre langen Ballkleider und ihre Absatzschuhe nach einer kurzen Pause der Stille gegen luftige Tutus und Spitzenschuhe. Nun suggerierte das Bühnenbild: Es ist spät in der Nacht, durch die offenen Flügeltüren konnte man die Sterne im Hintergrund am Himmel sehen. Es schien, als hätten alle Männer und Frauen die auf gesellschaftlichen Ereignissen dieser Art notwendige schützende Fassade fallen gelassen und tanzten nun auf eine aufrichtigere Weise miteinander.

Nach der Pause erklang das „Brahms-Schoenberg-Quartet“, und so ist auch die Choreografie betitelt, denn sie ist nichts anderes als sichtbar gewordene Musik, zu der sich das Publikum seine eigene Geschichte denken darf. Im Finale „Rondo alla Zingarese“ (nach Art der Zigeuner) strahlte die Japanerin Madoka Sugai mit „ungarischem“ Temperament zur feurigen Musik.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Punschabend im Baseler Hof

Am 12. Dezember 2018 feierte eine Gruppe von Ballettfreunden im Baseler Hof den Jahresausklang. Ab 18 Uhr saßen wir in kleinen Runden an gemütlichen Sechser-Tischen bei Kaffee oder Tee, Kuchen und Punsch oder Glühwein. Es wurde u. a. über den wenige Tage zurückliegenden Probenbesuch von „Brahms/Balanchine“ gesprochen. Anlässlich des 200. Geburtstages von „Stille Nacht, heilige Nacht“ las Marjetta Schmitz-Esser einen Text vor, der sich mit Herkunft und Verbreitung des berühmten Weihnachtsliedes beschäftigte; so ist beispielsweise überliefert, dass ein Hilfspfarrer aus Salzburg ein Gedicht mit dem Titel „Stille Nacht“ im Jahr 1816 niederschrieb, und dieser bat einen Lehrer, eine passende Melodie zu komponieren. Beide sangen das Lied dann erstmals Weihnachten 1818 in der St.-Nikolaus-Kirche in Oberndorf bei Salzburg. Text und Noten nahm wenige Jahre später ein Orgelbauer von dort mit nach Tirol, und es waren die Geschwister Rainer aus Tirol, die das Lied in die Welt trugen: Sie sollen es auch vor Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. gesungen haben.

Auf die besinnliche folgte dann eine humorvolle Geschichte. Im Anschluss las Frau Sabine Dawert einen Text über einen denkwürdigen Weihnachtsabend im Kriegsjahr 1918. Herzlich verabschiedeten sich die Ballettfreunde voneinander – bis zum nächsten Jahr!

[Dagmar Ellen Fischer]

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Benefiz-Ballett-Werkstatt am 16. Dezember 2018

Die zweite Ballett-Werkstatt der Spielzeit (und die 224. „seit Beginn aller Zeiten“, wie John Neumeier es formulierte) stand unter dem Motto „Song and Dance“. Der Erlös dieser Benefiz-Werkstatt wird der Stiftung TANZ zugute kommen; diese seit 2010 bestehende Organisation mit John Neumeier als Kuratoriumsvorsitzendem hilft Tänzern nach dem Ende ihrer aktiven Karriere auf unterschiedlichen Ebenen bei einer beruflichen Umorientierung in der zweiten Lebenshälfte.

„Song and Dance“: Historisch geschaut, wurde zeitgleiches Singen und Tanzen im Volkstanz oft praktiziert, und auch heute tanzt man in Clubs zu Musik, dessen gesungene Texte meist nicht einmal bekannt sind; in den USA nennt man Menschen, die singen, tanzen und spielen können „triple threat“, also dreifache Gefahr, weiß John Neumeier zu berichten. Dennoch bevorzugen offenbar viele Zuschauer heute eine rein instrumentale musikalische Begleitung zu Tanz oder Ballett.

Als Choreograf hat sich Neumeier auf vielfältige Weise von Texten der Weltliteratur inspirieren lassen, Shakespeares Satz „hand to hand is holy palmers’ kiss“ ist so etwas wie ein roter Faden in seiner Choreografie „Romeo und Julia“. Doch textlich „am nächsten dran“ war er in der „Kameliendame“: Dumas’ Dialog zwischen Marguerite und Armand, der ihr zu Beginn ihrer Beziehung ins Boudoir folgt, sei in die Choreografie „so klar eingeflossen wie nie zuvor und niemals danach“ in einem anderen Werk.

Gleich drei Beispiele von Leonard Bernstein illustrieren die von ihm ausgehende Anregung: In „Wrong Note Rag“ verstünde selbst Neumeier als Amerikaner nicht jedes Wort dieser speziellen Sprache des Sängers, das sei für die Stimmung des Liedes auch gar nicht wichtig – wie Aleix Martínez daraufhin tanzend beweist (er sprang an diesem Vormittag für den erkrankten Karen Azatyan ein). Das erste Lied, das Neumeier je bewusst von Bernstein wahrnahm, war „Lonely Town“, an diesem Vormittag von Hélène Bouchet, Jacopo Bellussi und Christopher Evans getanzt. Als drittes Bernstein-Beispiel diente „A Simple Song“, von Alexandr Trusch und Ricardo Urbina interpretiert.

Sehr viel Applaus erhielten o. g. Urbina und Sara Ezzell – beide ehemalige Mitglieder des Bundesjugendballetts und nun Tänzer im Hamburg Ballett – mit ihrem gemeinsamen Auftritt zu „Natural Woman“, einem von Ezzell und Sasha Riva choreografierten Duett, das eher zwei zeitgleich ausgeführten, beeindruckenden Soli ähnelt.

Neumeiers tiefe Verbundenheit zu Gustav Mahler und seiner Musik wurde wieder am Beispiel der „Rückert-Lieder“ deutlich, als Silvia Azzoni und Edvin Revazov aus „Um Mitternacht“ einen traumwandlerischen Pas de deux tanzen.

Nicht auf dem Programm stand der nächste Beitrag, ein perfektes Beispiel für „Song and Dance“ aus Neumeiers „Anna Karenina“: Zu „Moonshadow“ von Cat Stevens tanzte ein weiteres Mal Aleix Martínez in der Rolle von Levin; beide – Tolstois Roman-Figur und der Sänger und Komponist Cat Stevens – sind Grübler und Gott-Sucher. Und sofern man den gesungenen Text des Popsongs verstünde, so Neumeier, könne man den Bezug entdecken: „And if I ever lose my hands, lose my plough (Pflug), lose my land, if I ever lose my hands, oh if, I won’t have to work no more“ Er dankte den Technikern ausdrücklich, die aufgrund der kurzfristigen Programmänderung den Heuhaufen auf die Bühne „gezaubert“ hätten, den Levin alias Martínez für seinen Auftritt brauchte.

Beispiele aus Johannes Brahms’ Liebeslieder setzten den Reigen fort. Wie auch in der Premiere eine Woche zuvor, wurden die Walzer aus dem ersten Teil auch in dieser Matinee von Live-Musik und Live-Gesang begleitet. Dass die gesungenen Texte schlecht zu verstehen sind, sei auch in diesem Fall kein Verlust, so Neumeier: Er habe sie gelesen, „aber Sie haben nichts verpasst! Wie gut, dass Brahms diese Musik komponierte!“ Auch für George Balanchine seien die Worte nicht von Bedeutung gewesen, er habe es sogar untersagt, die Liedtexte seinerzeit im Programmheft zum Ballett abzudrucken. Vier Paare habe der Choreograf deshalb gewählt, weil mit ihnen bestimmte Formationen im Gesellschaftstanz bestens zu gestalten waren. Wenn im zweiten Teil der Liebeslieder-Walzer die Tänzerinnen in Tutus und Spitzenschuhen zurückkehren, erlebten sie mit ihren männlichen Partnern nach dem gemeinsam durchtanzten Ballabend eine eher surreale nächtliche Atmosphäre.

Als John Neumeier Kind war, gab es bei ihm zuhause auch eine Krippe. Die Krippenfiguren der drei Heiligen Könige hielten sich (Weihnachten) in einem anderen Zimmer auf. Sie „wurden jeden Tag bewegt, bis sie am 6. Januar am Stall ankamen“ – erzählt der Ballettintendant und leitet zum „Weihnachtsoratorium“ über: Wegen der Tanzbarkeit habe er Bachs Musik gewählt. Und mit guten Wünschen zum Fest und dem Neuen Jahr entließ John Neumeier sein Publikum.

[Dagmar Ellen Fischer]

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Letzte Aktualisierung: 13.01.19, [ddd]