Willkommen im „Wunderland“ mit dem Hamburg Ballett

Die weite Welt des Balletts ist eigentlich ein einziges „Wunderland“. Nun aber nahm sich der berühmte Choreograf Alexei Ratmansky ein ganz Bestimmtes vor, jenes, in das sich ein kleines Mädchen vor über 160 Jahren verirrte: Mit dem Hamburg Ballett kreierte er ein abendfüllendes Werk nach Lewis Carrolls bekannten Märchen „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“.

Die Idee, den russischen Choreografen mit ukrainischen Wurzeln einzuladen, stammte noch von Demis Volpi. Ratmansky hat international einen sehr guten Ruf. Zum einen als ehemaliger Tänzer und erfolgreicher Choreograf, zum anderen aber auch, weil er Stellung bezieht: Am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine beschloss er, Moskau zu verlassen. Seither weigert er sich, dort zu arbeiten und untersagt sämtliche Aufführungen seiner Werke, solange Putin an der Macht ist: „Die Große Invasion öffnete mir die Augen, und ich verstand, dass man nicht wegschauen konnte.“ Ratmansky wuchs in der Ukraine auf, und dort begann seine Karriere. Mit Rekonstruktionen von Ballett-Klassikern machte er sich weltweit einen Namen, berühmt ist er außerdem für seine Musikalität und einen hintergründigen Humor – im Tanz eher eine Seltenheit! Dieses Talent konnte er nun gründlich ausleben, denn die fantasievollen, absurden Geschichten um die siebenjährige Alice bieten dazu jede Menge Steilvorlagen. So wie die urkomische Szene, in der das Mädchen den beiden verrückten Zwillingen Tweedledee und Tweedledum begegnet und es sogar im Original der Literatur um Tanz geht. Passende Musik zu finden, sei zunächst ein Problem gewesen, gesteht der Künstler; deshalb nutzte er über 30 verschiedene Kompositionen, um die perfekte akustische Atmosphäre für jede Szene herstellen zu können.

Alexei Ratmansky gelang eine wunderbare Eröffnung der 51. Hamburger Ballett-Tage, indem er die beiden Bestseller von Lewis Carroll in einen zweistündigen Rausch aus Farben, Fantasie, Musik und überbordende Tanzlust verwandelte. Schon als Kind war er fasziniert von beiden Büchern. Nun, als international geschätzter Choreograf im Alter von 57 Jahren, erfüllte er sich den lang gehegten Wunsch, die weltberühmte Kinderliteratur in eine bewegte Geschichte zu verwandeln. Im Ensemble des Hamburg Ballett fand er Idealbesetzungen: Olivia Betteridge glaubt man die kindlich-staunende Alice, Aleix Martínez wird zum herrlich-hektischen weißen Kaninchen, als mordlustige Herz-Königin ist Ida Praetorius sensationell, und Caspar Sasse verwandelt sich in einen liebenswerten Humpty Dumpty. Zu Publikumslieblingen avancieren Louis Musin und Francesco Cortese als völlig verrückte Zwillinge Tweedledee und Tweedledum.

Sowohl Text als auch Tanz faszinieren nicht durch eine schlüssige Handlung, sondern durch fantastischste Einfälle, wie sie in Träumen vorkommen: Im ersten Teil stürzt Alice durch den Kaninchenbau in die Tiefe und trifft auf absurde Wesen und lebendige Spielkarten; nach der Pause entfaltet sich hinter dem Spiegel ein Kosmos aus Schach- und bekannten englischen Kinderfiguren. Großartige Kostüme (David Szauder) und das bewegliche Bühnenbild (Sebastian Hannak) entwickeln eine Sogwirkung. Untypisch für das Genre Ballett, verbindet Ratmansky klassischen Tanz mit Bewegungen, die dem jeweiligen Charakter entsprechen: So springt das Kaninchen einerseits virtuos vor Alice davon, krabbelt wenig später aber auch auf allen Vieren. Schlichtweg genial ist die Musikauswahl, Kompositionen von Erik Satie, Frédéric Chopin, György Ligeti, Béla Bartók, Richard Wagner, Bernd Alois Zimmermann sowie von Vasyl Ratmansky, dem Sohn des Choreografen, der auch als muskalischer Assistenz übernahm. „Wunderland“ ist ein Märchen, zugleich eine Coming-of-Age-Story und ein Ballett, das einfach großen Spaß macht.

[Dagmar Ellen Fischer]